Was soll noch kommen? (aus dem Buch Luisenplatz)

 

Am nächsten Tag hängte Nora das Schild „Gleich zurück“ in die Tür und lief zum Supermarkt. Vollgepackt mit zwei Tüten ging sie auf ihren Laden zu und sah ein Pärchen davor warten. Nora schätzte die Beiden auf Mitte vierzig. Die Frau war schlank und mädchenhaft, der Mann war kleiner und hagerer als sie. Mit mürrischer Mine klopfte er gegen die Scheibe der Tür und brubbelte vor sich hin, dann sah er Nora mit dem Schlüssel in der Hand und sagte: „Aha, da kommt ja endlich jemand“.    

   „Entschuldigung, ich war nur kurz beim … „

    „Ja, ja, schon gut“, winkte der Mann ab. 

   Nora betrachtete die Beiden. Olivfarbener Partnerlook, Allwetterjacken von Tchibo und diese zwei Nummern zu groß. ‚Was wollen die denn bei mir?“, überlegte Nora und hielt den Beiden die Tür auf. Der Mann ging mit schnellem Schritt in den Laden, die Frau blieb stehen, zeigte auf ein Kleid im Schaufenster und sagte mit scheuer Stimme zu Nora: „Darf ich vielleicht dieses …“.

   „Nun komm schon rein und beeil dich“, raunzte der Mann die Frau an.

   Die Frau versuchte zu lächeln und folgte ihrem Mann.

  ‚Etwas schüchtern – nein, mutlos und unglücklich’, ging Nora durch den Kopf. ‚Dieser freudlose Blick, diese farblosen dünnen Haare, dazu ein beiges Leinenkleid bis zu den Knöcheln, ihre innere Verfassung steht ihr buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Sie hält nicht viel von sich’.

   Vorsichtig fragte die Frau. „Entschuldigen Sie bitte. Ist es vielleicht möglich, dass wir das rote Kleid im Schaufenster anprobieren?“

   „Wieso wir“, fuhr der Mann sie an. „ICH will das nicht anziehen! Du hast dir doch diesen Spleen in den Kopf gesetzt“. Er trat vor den Spiegel, bedeckte seine Halbglatze mit Haarsträhnen und schimpfte: „Blöder Wind aber auch“. Dann öffnete er seine Jacke, schob den grauen Pullunder hoch und spannte die Hosenträger.

   Nora, hängte das Schild ‚Gleich zurück’ aus der Tür.

   „Zehn Minuten mussten wir warten“, sagte der Mann.

   Nora entschuldigte sich.  

   „Zwei Minuten, Gerd“, flüsterte die Frau.

   „Sei du mal lieber ruhig“.

   ‚Muss ich das mitansehen‘, überlegte Nora. Sie schaute zu der Frau und verspürte Mitleid, dann musterte sie den Mann vor dem Spiegel: ‚Hochwasserhose mit Bügelfalte, weiße Socken, braune Kunstlederschuhe – bestimmt Buchhalter, fehlen nur noch die Ärmelschoner’. An die Frau gewandt sagte sie: „Das Kleid wird ihnen etwas zu groß sein, aber sie können es gerne anprobieren“.  

   „Oh ja“.

   „Wenn Ihnen das Kleid gefällt, könnte ich es in ihrer Größe anfertigen“.

   „Nix wird hier angefertigt, schon gar nicht in Rot“, bestimmte der Mann.

   „Ich will es doch nur kurz anprobieren, du hast es mir versprochen“, bat ihn die Frau. 

   „Beeil dich halt“, sagte der Mann und setzte sich auf die Couch.

   ‚Ich muss den Muffel ruhigstellen‘, überlegte Nora und fragte: „Darf ich Ihnen ein Glas Wasser bringen?“

   „Gerne, danke schön. Ich soll ja mehr trinken, hat der Arzt gesagt“. 

   Nora brachte das Wasser und der Mann sagte: „Schöne Kleider machen Sie ja, aber das ist nichts für uns“.

   „Vielleicht wollen Sie etwas lesen, solange Ihre Frau das Kleid anprobiert“. Nora zeigte auf die Modezeitschrift auf der Couch.

   „Danke. Ich kann auch so warten“.

   Nora führte die Frau ins Atelier und reichte ihr das Kleid in die Umkleide. Die Frau zog sich um, der Vorhang öffnete sich, sie erschien in dem roten Kleid und trat vor den Spiegel. Zuerst schaute sie verblüfft, dann erschien ein Lächeln und sie fasste Mut. „Gerd, komm doch bitte mal, das musst du sehen“, rief sie nach vorne in den Laden.

   „Bist du fertig, können wir gehen?“

   „Nun komm doch bitte, sag mal was dazu“. Die Frau fuhr sich durch die Haare, arrangierte eine neue Frisur und betrachtete ihr Spiegelbild von allen Seiten.

   „Was gibt’s da schon zu sehen“, brubbelte der Mann und erhob sich von der Couch.

   „Gerd, schau doch mal, ist das nicht herrlich? Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich mich fühle“. Die Frau genoss diesen kurzen Moment Glück, drehte sich vor dem Spiegel, das Kleid begann zu schwingen und zeigte ihre Knie. Selbst ihre Haare schienen neuen Glanz zu bekommen.

    ‚Sie blüht auf wie eine Blume, die man vergaß zu gießen‘, dachte Nora.

   Der Mann warf einen abwertenden Blick auf seine Frau. „So gehst du mir nicht auf die Hochzeit meiner Schwester, du siehst ja aus wie ein Freudenmädchen“. Seine Mine wurde grimmig. „Du weißt doch, wie meine Mutter darüber denkt, und jetzt zieh dich wieder um“. Nora bekam einen vorwurfsvollen Blick, dann verließ er das Atelier. „Und beeil dich endlich“, befahl er im Gehen. „Ich warte vor dem Laden, der Bus kommt gleich“.

   Die Frau verlor ihr Lächeln und streifte sich wieder ihre alten Kleider über. 

   „Bitte entschuldigen Sie die Umstände“, sagte sie und wischte sich eine Träne von der Wange.

   „Männer mit Frauen einkaufen, da kann schon mal was falsch laufen“, versuchte Nora zu trösten.

   Die Frau blickte durch das Schaufenster zur Bushaltestelle, an der ihr Mann wartete. „Bei ihm mach ich immer alles falsch“, flüsterte sie vor sich hin. „… Ich halt das nicht mehr aus“. Die Frau drehte sich zu Nora. „Entschuldigung, ich wollte sie nicht …“ sie versuchte zu lächeln. „Vielleicht sollte ich mal alleine kommen … Danke, dass Sie meinen Mann beruhigen wollten. Alle merken immer, was für ein …“ sie stockte, „… nur er nicht“.        

   Nora begleitete die Frau zur Tür und sah, wie der Mann den Fahrplan studierte. ‚Wahrscheinlich hasst er diese wenigen Augenblicke, in denen seine Frau zu leben beginnt‘, ging ihr durch den Kopf.

   Die Frau trat nach draußen und auf ihren Mann zu.

   ‚Gib dem Idiot nen Tritt in Hintern‘, dachte Nora. ‘Schade, das Kleid hätte der Frau gut gestanden. Und wir hätten das Geld gut gebrauchen können‘.

    Zwei Wochen später erschien die Frau im Laden. Nora erkannte sie nicht sofort, die olivfarbene Tchibojacke kam ihr bekannt vor, ansonsten erinnerte wenig an ihren ersten Auftritt. Ein offenes Lächeln, ein lockiger Kurzhaarschnitt, die Augen geschminkt. Unter der Jacke eine grüne Bluse, dazu ein schwarzer Rock.

   „Heute will ich das rote Kleid kaufen. Es geht mir nicht mehr aus dem Kopf“, sagte die Frau und zog ihre Jacke aus. „Und ein neues Jacket brauche ich auch“. 

   Die Frau war aufgeblüht, so kam es Nora vor.

  Während des Ausmessens der Körpermaße vor dem Spiegel wurde die Unterhaltung über ihre Wandlung mehr und mehr zu einem Selbstgespräch. „Die Hochzeit meiner Schwägerin, sie war so glücklich. Und die anderen Gäste, wie sie sich alle freuten und sich schick zurechtgemacht hatten. Und dann schaute ich in diesen Spiegel an der Wand, ich sah uns dasitzen … er, seine Mutter, und ich. Ich sah ihn über die Gäste herziehen, seine Mutter, wie sie nickte. Ich sah die leeren Tische und Stühle um uns herum, schaute auf die Tanzfläche, wo alle tanzten. ‚Lass uns auch tanzen‘, bat ich ihn, aber das ist für ihn nur affiges Getue, mit dem man sich lächerlich macht. Die letzten zwanzig Jahre zogen an mir vorbei – was soll noch kommen … wenn ich so weitermache, ruiniere ich mir mein Leben. Ich stand auf und ging. Seither wohne ich bei meiner Schwester“.