Paul besucht Bastian (aus dem Buch Luisenplatz)

 

Am Samstag baute Paul das Stoffregal im hinteren Kellerraum auf und schrubberte die Treppe, die vom Atelier nach unten führte, danach hatte er genug vom Renovieren. Nora war übers Wochenende zur Geburtstagsfeier ihrer Mutter nach Schwerin gefahren und er beschloss, seinen alten Freund Bastian im Buchladen nebenan zu besuchen. Paul freute sich, ihn wieder als Nachbarn zu haben. Acht Jahre waren die Beiden befreundet, bevor ihre Wege auseinandergingen.  

   Bastian war elf Jahre älter als Paul und zog 1967 zum Studieren und wegen der damaligen Studentenbewegung nach West-Berlin. Er wollte dabei sein, wenn junge Leute sich gegen verkrustete moralische und gesellschaftliche Zwänge erheben. Als Paul ihn 1980 kennenlernte, traf man noch häufig auf ewige Studenten, Bastian war einer von ihnen. Im sechsundzwanzigsten Semester beschäftigte er sich mit Literaturwissenschaften, war halbherzig dabei, sich auf den Magister vorzubereiten und träumte davon, einen Buchladen zu eröffnen. Mitte der Achtziger Jahre erfüllte sich Bastian seinen Traum. Er ließ den Magister sausen, mietet Räume am Luisenplatz 1 und verkaufte von nun an Bücher. Mit seiner damaligen Freundin Tina zog er von Pauls Nachbarwohnung in die Wohnung über seinem neuen Laden. 

   „Ich dachte schon, du hast mich vergessen“, grüßte Bastian, als Paul in den Buchladen trat. „Ich hoffe, du hast heute mehr Zeit als letzte Woche“. 

   „Wie könnte ich dich vergessen, aber ich musste renovieren“, sagte Paul und spürte die Vertrautheit, wie sie zwischen zwei Menschen besteht, die sich lange kennen und gemeinsame Erlebnisse teilen. 

   Bastian sah blass aus und hatte Augenränder. Seine schwarzen Haare, unter innerem Protest nach der Jahrtausendwende kurz geschnitten, begannen grau zu werden. Noch immer war er schlank und wirkte mit seiner Größe von eins-achtzig sportlich. Im anthrazitfarbenem Jackett, grünen Feinstrickpulli und in einer Jeans machte er mit fünfundfünfzig Jahren eine gute Figur. Auf seiner zu groß geratenen Nase trug er eine klassische Vollrandbrille und wie früher betrachteten die grünen Augen das Geschehen in seiner Umgebung aufmerksam. 

   „Siehst gut aus“, sagte Bastian. „Das Eheleben scheint dir zu bekommen“,

   „Ja danke, und wie geht es dir?“

   „Ganz gut. Schön, dass du mich besuchst“.

   „Wie läuft dein Buchladen?“

   „Na ja, geht schon. Warst lange nicht mehr hier“.   

   „Vor ein paar Wochen habe ich ein Buch gekauft, da bediente eine junge Frau mit roten Haaren, sie sagte, du wärst beim Arzt, ich hoffe es war nichts Ernstes“.

   „Nein, nein, nur ne Lappalie. Das war Sophia, die mich vertreten hat“.

   Paul schaute sich im Laden um. Seit der Eröffnung vor achtzehn Jahren hatte sich nicht viel verändert. In den Regalen waren bis unter die Decke Bücher aufgereiht, auf Tischen lagen Bücherstapel und neben dem Eingang stand ein Tresen mit der Kasse. In einer Ecke konnte man sich setzen und probelesen. Paul trat in den hinteren Raum und schaute auf die Wendeltreppe, die in den ersten Stock führte. PRIVAT stand auf einem Schild in Höhe der fünften Stufe. Er schaute die Treppe hoch. ‚Da oben haben wir oft zusammengesessen‘, ging ihm durch den Kopf.

   „Setz dich“, sagte Bastian. Er servierte Tee und die Beiden plauderten über Vergangenes und über Veränderungen, die die Zeit mit sich brachte. Als Bastian erfuhr, dass Paul Strohwitwer war, lud er ihn zum Abendessen ein. „Ich hab noch Essen von gestern übrig und Sophia schläft heute in ihrer Wohnung“, sagte er.   

    ‚Aha, läuft da was?’, dachte Paul und wurde neugierig.

   „Wenn du Bier oder Wein zum Essen willst, musst du dir was holen. Ich hab nichts zu Hause“.

   „Trinkst du keinen Alkohol mehr?“

   „Nein! – Elf Jahre ohne“, sagte Bastian. „Und dabei soll es bleiben. Ich habe genug vorgesoffen, das reicht bis ans Ende meiner Tage“.

   „Hast nie erwähnt, dass du nichts mehr trinkst“.

   „Wer redet schon gerne über den Müll aus seiner Vergangenheit. Es reicht, wenn man ihn mit sich rumschleppen muss“.

   „Ich hab vor sieben Jahren aufgehört“, sagte Paul.  

   „Auch zu viel gesoffen?“, fragte Bastian.

   „Das übliche Gewohnheitstrinken, abends zwei Bier, manchmal mehr. Ich ging selten nüchtern ins Bett, so wollte ich nicht alt werden. Ich fing an zu laufen und hörte mit dem Alkohol auf. Und was ist bei dir passiert?“ 

   „Tina“, flüsterte Bastian. „… Als sie auszog, wurde alles nur noch schlimmer … In letzter Zeit muss ich wieder öfter an sie denken … ich hab damals vieles falsch gemacht“. 

   Bastian war Tina Ende der siebziger Jahre in seinem Stammlokal ‚Wilhelm Hoeck 1892‘ begegnet. Diese Kneipe war eine Institution, in der schon Heinrich Zille seine Molle trank. Die Originaleinrichtung war erhalten geblieben und noch immer nahmen Arbeiter früh morgens ein erstes Bier und frühstückten ein Sol-Ei oder eine Boulette. Vormittags trafen sich Leute, die danach strebten, den Überhang vom Vorabend aufrecht zu halten, nachmittags nahmen Verkäufer und Angestellte aus den umliegenden Geschäften ein schnelles Bier, zusammen mit Studenten, Künstlern, Solchen, die sich dafürhielten und Jenen, die sich sonst was einbildeten. Zu späterer Stunde, nach der Vorstellung in der nahen Oper, mischten sich verwegene Musikliebhaber unter die beschwipste Gesellschaft, tranken Wein und aßen Blutwurst mit Sauerkraut und Püree. 

   Eines Abends im Mai 1979 erschienen Studentinnen, die eine Aufführung von Carmen besucht hatten und sich in ihrer beschwingten Stimmung unter die Gäste gesellten. Bastian sah Tina, sprach sie an und die Beiden wurden ein Paar. Als sie bei ihm einzog, wusste Bastian, das ist die Frau, mit der er alt werden möchte. Tina begleitet Bastian an manchen Abenden ins Hoeck und war fasziniert von den Leuten, mit denen er befreundet war. Schriftsteller, Schauspieler, Übersetzer – ein Typ übertrug Bukowski ins deutsche, ein Anderer schrieb für den Kulturteil im Tagesspiegel, eine Frau spielte die Hauptrolle in einer Fernsehserie – sie trafen sich im Hoeck und redeten und tranken und lachten und redeten und tranken – und Tina feierte mit. Sie alle luden auch zu sich nach Hause ein, bis Tina merkte, die feiern zu viel. Sie zog sich zurück, konzentrierte sich wieder auf ihr Medizinstudium und begleitete Bastian nur noch selten. Sie lernte abends und bat Bastian, auch zu Hause zu bleiben. Bastian versucht, diese Zeit mit lesen oder vor dem Fernseher zu verbringen, aber er vermisste seine Freunde und die ausgelassene Stimmung im Hoeck. Tina saß bald alleine zu Hause am Schreibtisch über ihren Büchern und Bastian am Stammtisch vor einem Glas Bier. Bei Tina wuchs die Enttäuschung. Dann eröffnete Bastian den Buchladen am Luisenplatz. Sie zogen in die Wohnung darüber und Tina war zuversichtlich, denn Bastian hatte eine neue Aufgabe. Der Laden lief gut, Bastian war guter Dinge, wollte feiern und zog in die Kneipe. Drei Jahre vergingen, dann wurde es Tina zu viel, Bastian kam zu oft nachts nach Hause und stank nach Bier. Bastian gelobte Besserung und ging nur noch einmal pro Woche ins Hoeck – zumindest für einige Monate. Tina bereitete sich auf ihren Studienabschluss vor und lernte bis spät in die Nacht. Bastian wurde es zu Hause langweilig und er spürte das Verlangen nach Gesellschaft und Alkohol. Er schmiss die guten Vorsätze über Bord und gesellte sich zu seinen Freunden an den Stammtisch. Tina mahnte, drohte und hoffte, Bastian schien sich ihrer Liebe sicher und ließ die Zeit vergehen. Tina nahm eine Stelle als Assistenzärztin an, Bastian wurde von seiner Sucht eingefangen. Tina gab die Hoffnung auf, Bastian vernachlässigte seinen Buchladen. Sie zog nach zehn Jahren Beziehung aus, er verlor den Überblick.  

   „Tina hat mich geliebt“, flüsterte Bastian. „Wir könnten heute noch zusammen sein … scheiß Alkohol … ich hab’s vermasselt“. Er blickte durch den Laden und durchs Schaufenster nach draußen. „Es wird dunkel“, sagte er, stand auf und schaltete die Leuchtreklame seines Ladens ein. Er schaute hinaus auf den grauen Luisenplatz, der noch nichts von dem nahenden Frühling erkennen ließ. Die Linde neben dem Bushäuschen war noch kahl und ein böiger Wind ließ Regentropfen gegen die Scheibe klatschen. Bastian drehte sich zu Paul. „Als Tina weg war, bin ich abgestürzt ... ich hätte fast den Laden verloren“. Er setzte sich und auf seinem Gesicht erschien ein Lächeln. „… Eines Morgens bin ich wieder einmal mit einem mächtigen Überhang aufgewacht, wollte was zu trinken besorgen, da machte es klick in meinem Kopf – und das war’s. Seit elf Jahren keinen Tropfen“. Bastian nahm einen Schluck Kräutertee. „Wie sich die Zeiten ändern, früher ist man im Morgengrauen besoffen aus der Kneipe getorkelt, jetzt sitzen die gleichen Leute am Vormittag ausgeruht im Café vom Bioladen und trinken ‘Gute Laune Tee‘ … na ja, zumindest einige von ihnen“, sagte Bastian und wurde leise. „Und ich träume mit fünfundfünfzig von einer vernünftigen Beziehung mit ner Dreißigjährigen und suche und hoffe und mache mich zum Trottel“. Er stand auf, schloss die Ladentür zu und sagte: „Genug davon, lass uns nach oben gehen und das Essen zubereiten“. 

   In Bastians Wohnung sah es aus wie bei Pauls letzten Besuch vor fünfzehn Jahren. Paul gefiel der offene Durchgang vom Wohnzimmer zur Küche, in der sich Bastians Vorliebe für das Mediterrane zeigte. Vier Rattansessel und ein Holztisch luden zum Sitzen ein, der Fußboden war mit Terrakottafließen ausgelegt, an champagnerfarbenen Wänden standen Regale mit Olivenöl, Balsamicoessig, Töpfen, Pfannen und Kochbüchern, vom Fensterbrett her duftete es nach Thymian und Basilikum. Das Wohnzimmer bestimmte ein Regal, überladen mit Büchern, Foto- und Kunstbänden. Eine umfangreiche Schallplattensammlung zeigte Bastians musikalischen Geschmack seiner Jugend. Paul betrachtete zwei Aktzeichnungen, die über einem Sideboard hingen und sagte: „Den Stil kenn ich“.    

   „Die sind neu“, sagte Bastian. „Geburtstagsgeschenk von einer Malerin, von Gabi … hattest du damals nicht was mit ihr?“, überlegte Bastian laut, dann sagte er:  „Komm, ich hab Hunger“. Bastian ging in die Küche und deckte Huhn mit Kapern und Oliven auf den Tisch, die Beiden aßen und huldigten vergangener Zeiten, dabei wurde es spät. 

   „Kiffst du manchmal noch?“, fragte Bastian.

   „Schon lange nicht mehr“.  

   „Ich dreh mir manchmal abends ne Tüte, das hilft beim Einschlafen. In letzter Zeit habe ich öfters Kopfschmerzen“.

   „Dann solltest du zu einem Arzt gehen?“

   „War ich. Ein MRT soll ich machen, aber die Überweisung ist abgelaufen“.

   „Du könntest eine neue holen“.

   „Ja ja, das sagt Sophia auch. Ich werd schon noch zum Arzt gehen. Und jetzt lass uns eine rauchen“.

   ‚Wieso nicht?’, überlegte Paul.  

   Die Beiden gingen ins Wohnzimmer und ließen sich in die Sessel fallen. Paul griff nach Bastians Telefon. „Ich ruf Nora an. Sie macht sich Sorgen, wenn sie mich zu Hause nicht erreicht“.

   „Sei froh, dass du jemanden hast, der sich Sorgen macht“, sagte Bastian und drehte einen Joint. 

   Paul verabschiedete sich mit Küsschen in den Hörer, dann sagte er zu Bastian: „Ich hab lange nichts geraucht, ich werde bestimmt müde davon“. 

   „Du kannst auf der Couch schlafen, dann frühstücken wir morgen zusammen. Da drüben liegt ne Decke“. 

   Bastian zog an dem Joint und reichte ihn Paul, dann stand er auf, knipste den Verstärker an und zog eine Platte aus seiner Sammlung. „Ist Echoes o.k.?“  

   „Pink Floyd ist gut“, sagte Paul und inhalierte den Rauch von Marihuana.   

   Bastian legte die Scheibe auf den Plattenteller, das Vinyl begann, seine Runden zu drehen, der Tonarm senkte sich und die eintönigen Signale eines Echolots erreichten Pauls Gehirn. Er nahm noch einen Zug, lehnte sich zurück und ließ sich mitnehmen in die Klangwelten des dreiundzwanzig-Minutenstückes. Pink Floyd sangen von einem Albatros, der bewegungslos in der Luft schwebt, von rollenden Wellen und Labyrinthen aus Korallenhöhlen, in denen das Echo vergangener Gezeiten wiederhallt. Für Paul begann sich die Zeit zu dehnen, in seinem Kopf erschienen Korallenriffe in blauen und roten Farben, orange-türkis bekringelte Anemonenfische und schillernde Papageifische grüßten grinsend, schwollen zu ungeahnter Größe an, erhoben sich über dem Horizont und schwammen im Sonnenuntergang davon. Paul erlangte tiefgreifende Erkenntnisse. ‚Tauchen müsste ich mal wieder‘.  

   Pink Floyd hatte sich längst verabschiedet – knack … knack, knackte die Nadel in der Auslaufrille – als Paul seine Augen öffnete und sich orientierte. Bastian saß, nein, er lag im Sessel und streckte seine Beine von sich. „Bastian, aufwachen“, sagte Paul. 

   Bastian öffnete seine Augen, sein Blick schweifte durchs Zimmer, dann erhob er sich und legte den Tonarm in die Halterung. „Schlaf gut“, murmelte er und schlurfte ins Schlafzimmer. 

   Paul griff nach der Decke, streckte sich auf der Couch aus, träumte sich in tropische Gefilde und spazierte mit Nora unter Palmen einen Sandstrand entlang.