Nora besucht Konstanze (aus dem Buch Luisenplatzt)

 

   Nora steckte die letzte Nadel. „Das war’s, der Saum ist abgesteckt“.

   Konstanze zog sich um. „Ich freue mich, die Kleider auszuführen“, sagte sie. „Ich geh vor und du kannst in zehn Minuten nachkommen, dann zeig ich dir mein Studio“.  

   „… Ja“, sagte Nora, „ich will aber keine Umstände machen“.

   „Wie kommst du darauf, das mach ich gerne“, erwiderte Konstanze und verließ den Laden.  

   Nora ging in die Teeküche und machte sich einen Espresso. „Übertreib ich? Ich kenn Konstanze kaum‘, überlegte sie. ‚.... Paul wird sich wundern, wenn ich ihm das erzähle‘,     

   Zehn Minuten später hängte sie das Schild ‚Pause bis 12.30 Uhr‘ in die Ladentür und trat durch den Hauseingang in den Hinterhof. Es nieselte, Nora verschränkte die Arme, ging ein paar Schritte über das nasse Kopfsteinpflaster, dann stand sie vor der massiven Holztür, hinter der sich Konstanzes Reich verbarg. Nora schaute die Hauswände hoch. ‚Hoffentlich sieht mich niemand‘. Ihre Finger berührten die Klingel, ein goldener Ring, der einem Löwenkopf durch die Nase gestochen war. Sie hob ihn an und blickte in den elektronischen Spion ... Es summte, Nora zog die Tür auf – vor ihr führte eine ausgetretene Steintreppe nach unten. ‚Ein ehemaliger Luftschutzkeller, tief unter den Kellerräumen‘, hatte die Frau von der Hausverwaltung gesagt. Sie schluckte und stieg hinab. ‚Was erwartet mich hier‘, ging es ihr durch den Kopf. ‚… Ich mach das jetzt, was ist schon dabei? Konstanze ist doch nett‘. 

   Nora trat in ein spärlich beleuchtetes Kellergewölbe. Sie schaute sich um – Holzdielen, Steinwände, drei Türen, neben einem Chesterfield-Sofa stand eine Statue der Venus von Milo. Am Ende des Gewölbes befand sich ein Gang mit Türen auf beiden Seiten. ‚Jetzt bin ich aber gespannt‘, dachte sie. Die Tür neben ihr wurde geöffnet und Konstanze erschien. Sie hatte sich umgezogen und trug einen schwarzen Lederrock, eine rote Bluse und Stiefeletten. Ihre Haare hatte sie hochgesteckt, die Lippen waren kirschrot geschminkt. „Schön, dass du da bist, komm rein“, sagte sie und zeigte in das fensterlose Zimmer. „Das ist mein kleiner Bereich“. 

   ‚Ein normales Büro, gemütlich eingerichtet’, dachte Nora. Ein Schreibtisch, der nach Arbeit aussieht – lose Blätter, Aktenstapel und ein Laptop. In einer Ecke standen zwei Sessel, an einer Wand hing ein Regal mit Büchern und Figuren. Eine Katze aus Jade leckte sich anmutig die Pfote, Fotos zeigten Konstanze im Tauchanzug auf einem Boot. Nora war interessiert, auch sie tauchte gerne. 

   „Erinnerungsstücke“, sagte Konstanze. „Die Katze ist ein Mitbringsel aus Ägypten und die Fotos sind von den Seychellen“. 

   „Da kann man bestimmt gut tauchen“.

   „Ja, ganz toll. Tauchst du auch?“

   „Vor drei Jahren hab ich den Schein gemacht“, sagte Nora und dachte: ‚Wenn man die Fotos sieht, eine Domina im Tauchanzug – warum nicht’. Ihr Blick schweifte zu den Bildern an den Wänden. „Du bist schon weit gereist. Der Vulkan, ist das der Popocatepetl?“

   „Ja, warst du auch schon in Mexiko?“

   „Nein, aber mein Mann, bevor wir uns kennenlernten. In unserem Flur hängt auch ein Bild von dem Vulkan“. 

   Konstanze wartete, bis Nora mit den Bildern fertig war, dann sagte sie: „Komm, ich zeig dir die anderen Räume. Im Moment ist nur ein Studio belegt, es ist noch früh“. Sie trat aus dem Büro und öffnete die Tür gegenüber. „Hier empfangen wir unsere Gäste. Das übernehme ich, wenn ich nicht gerade beschäftigt bin“.

   Nora blickte sich um. ‚Sieht aus wie ein kleines Wohnzimmer‘. Auf einem beigen Teppich stand eine schwarze Couchgarnitur und ein dunkelrotes Siedeboard, auf einem Tischchen blühten Amaryllis in einer Vase. Nora liebte Amaryllis … ‚Aber irgendwie … eine eigenartige Atmosphäre‘, ging ihr durch den Kopf. ‚Konstanze, die hier mit fremden Männern die Preise unterschiedlichster Sexvarianten durchgeht, Vorlieben und Tabus bespricht, wie eine Dienstleistung ... so ist es hier nun mal’. 

   Neben der Vase lagen Zettel – Domina, Sklave, Zofe, las Nora während eines flüchtigen Blickes auf eine lange Liste.

   „Für die Schüchternen. Hier kann man seine Wünsche ankreuzen“, erklärte Konstanze. 

   Der nächste Raum war von Deckenflutern ausgeleuchtet. „Das ist unser Aufenthaltszimmer“, sagte Konstanze. „Einmal im Monat machen wir hier unsere Party, da kann es voll werden“.

   „So groß hab ich mir das hier unten nicht vorgestellt“, sagt Nora. 

   Sitzgarnituren aus Leder, Polsterhocker und Tischchen verteilten sich in dem  Raum. Auf einer Couch lag eine Frau und las in einem Buch, vor einem Schrank zog sich eine vollschlanke Frau ihre Kleider aus. Rechts von der Tür standen zwei Kommoden, ein Fernseher und eine Musikanlage, links lief in einer Küchenzeile die Spülmaschine, auf einem Tisch verströmte eine Tasse Kaffee ihren Duft. Nora blickte zu dem Kleiderschrank und überflog die Namenschilder – Mercedes, Tanja, Sophia, konnte sie auf den ersten von neun Türen erkennen. Die letzte Tür war geöffnet. Matt glänzten Kleider und Dessous aus Latex und Leder auf Bügeln. Die vollschlanke Frau stand nackt davor und streifte sich einen dunkelroten Satin-Morgenmantel über. Sie blickte zu Nora, trat vor einen Wandspiegel und brachte ihre Haare in Form. 

   „Das ist Verona“, stellte Konstanze vor. 

   „Hallo“, grüßte Nora und dachte: ‚So alt wie ich’.

   Die Frau nickte Nora zu und drehte sich wieder zum Spiegel.

   „Heute etwas später?“, fragte Konstanze.

   „Die S-Bahn streikt mal wieder. Pitschnass bin ich geworden, scheiß Wetter“, sagte sie und steckte sich die Haare nach oben.

   Konstanze zeigte zu der Frau auf der Couch. „Da drüben liegt Nadine, unsere Jüngste, wie immer beim Lesen‘. Auch Nadine trug einen dunkelroten Satin-Morgenmantel.

   ‚Die ist aber zierlich, und noch so jung. Sieht hübsch aus mit ihren langen blonden Haaren’, dachte Nora und nickte ihr zu. 

   Nadine winkte zurück und sagte: „Hi, du bist bestimmt die Neue“.  

   „Nein, nein, die kommt morgen“, wehrte Konstanze ab. „Das ist Nora, unsere Nachbarin, ihr gehört das Modegeschäft im Vorderhaus, ich mach nur ne Führung“.

   „Aha?! … Tolle Kleider hast du im Schaufenster“.

   Nora blickte auf Nadines Buch – Romanische Sprachwissenschaften. ‚Unsere Jüngste studiert, hatte Konstanze erzählt. Sie sieht so unschuldig aus, solch einen Job würde man bei ihr nicht vermuten‘, überlegte Nora. ‚… Ob die einen Freund hat?’ Ihr Blick schweifte durch den Raum. ‚Was sind das für Frauen, die hier auf Sex mit fremden Männern warten?’ Nora schauderte. ‚Mit jedem, der da oben an der Tür klingelt, dessen Vorlieben ausleben – ohne Gefühle, nur wegen des Geldes? – Oder doch mit Lust? … Eine gewisse Neigung muss vorhanden sein, hatte Konstanze gesagt’.   

   Auf einer Kommode neben der Tür stand der Bildschirm vom elektronischen Spion. Nora sah einen Mann durch den Hinterhof schreiten, er wurde größer, bis nur noch sein Oberkörper zu sehen war. Der Mann lächelte, eine Klingel summte und eine rote Lampe blinkte auf. ‚Muss das jetzt sein?’, ging Nora durch den Kopf. 

   Konstanze blickte zu Nadine. „Das ist bestimmt dein Termin, übernimmst du die Begrüßung, ihr kennt euch ja“. 

   Nadine sprang von der Couch auf und sagte im Vorbeigehen zu Nora: „Ich brauch bald ein Sommerkleid, dann komm ich zu dir in den Laden“. Sie drückte auf den Türöffner und verschwand. Konstanze trat ebenfalls nach draußen, Nora folgte ihr. „Die beiden arbeiten gerne tagsüber. Nadine kommt eigentlich nur samstags und selten unter der Woche“, sagte Konstanze. 

   Ein Mann mittleren Alters in einem dunkelblauen Anzug kam die Treppe runter und trat in das Gewölbe. Nadine begrüßte ihn mit einem Handschlag und machte einen Knicks – der Mann strich ihr über den Kopf. Er erblickte Nora, grinste ihr zu und folgte Nadine ins Empfangszimmer.

   ‚Vielleicht ein Familienvater, auf den heute Abend noch Frau und Kind warten“, überlegte Nora. ‚Der denkt bestimmt, ich arbeite hier’. Der Mann war ihr unsympathisch. 

   In Konstanzes Büro klingelte ein Telefon. „Bin gleich zurück“. sagte sie, ging, und die Tür fiel hinter ihr zu. Es wurde still, Nora blickte sich um – die diffuse Beleuchtung, die kahlen Steinwände, die gewölbte Decke – wie in einem Film, kam es ihr vor. ‚Was mach ich hier unten?‘, ging ihr durch den Kopf. ‚Da drüben im Zimmer sitzt einer und will Sex gegen Geld … Vielleicht sollte ich gehen‘. Sie schaute zu der Treppe, die nach draußen führte, sie schaute zu Konstanzes Büro. ‚… Wo bleibt die denn?’ ... Die Tür gegenüber wurde geöffnet. ‚Auch das noch!’ Nadine und der Mann erschienen. Nora wurde von ihm wieder angegrinst, dann zwinkerte er ihr zu. Nora drehte sich weg. Nadine führte den Mann in den Gang am Ende des Gewölbes, öffnete eine Tür und er trat ein. „Bin gleich wieder da“, meinte Nora zu hören. Nadine kam zurück und verschwand im Aufenthaltsraum. Einen Moment wurde es wieder still, dann erschien Konstanze. „Na, alles klar?"

   "... Ja", sagte Nora.

   "Na dann komm, ich zeig dir die anderen Räume, fangen wir am besten hinten an“. Konstanze trat in das Halbdunkel des Ganges und schritt mit ihren Stiefeletten über den Steinfußboden. ‚Klack, klack’, hallte es von den Wänden zurück. Nora folgte ihr.