Magst Du Rosen?

 

‚Heute nicht bis spät abends‘, überlegte Hans. ‚Am Tag vor Weihnachten kann ich auch mal mit den Anderen nach Hause‘. Er unterschrieb einen letzten Brief und legte den Füller zur Seite. Im Vorzimmer zog sich seine Sekretärin ihren Mantel über. „Ich komme mit“, rief er durch die offene Tür. Zusammen liefen sie zum Aufzug. Frau Weber hatte wie immer gute Laune und freute sich auf die Feiertage mit ihrer Familie. Im Fahrstuhl nahm Hans das Parfum von Frau Weber wahr und zog den Duft von Jasmin in die Nase, diese blumige Note, die auch seine Frau so gerne aufgetragen hatte, die er so sehr an ihr geliebt hatte. „Frohes Fest“, wünschte Frau Weber und stieg im Erdgeschoss aus, Hans fuhr in die Tiefgarage. Er fürchtete diese Tage, die für ihn zu einer Zeit voller Elend und Leere verkommen sind. Und dann auch noch Sylvester, ein neues Jahr, das Dritte …

   Es war bereits dunkel, als er sich in verstopfte Straßen und nervendes Gehupe einreihte. Seit Tagen regnete es und ein böiger Wind wehte durch die Stadt. Abwesend fuhr er zum Supermarkt. ‚Auch noch für vier Tage einkaufen, der Sonntag hängt mit dran‘, dachte er. Morgen, am Vierundzwanzigsten, wollte er sich nicht zwischen all diesen Menschen und ihren vollgepackten Einkaufswägen durch die Gänge drängen und dann noch bis hinter die Regale mit den Putzmitteln ewig an der Kasse stehen. Aber er war nicht der Einzige, der so dachte. Schon heute war es voll. Er packte das Nötigste ein – Milch, Kaffee, Brot, dann steuerte er die Fertiggerichte an. ‚Rindergulasch mit Püree und Rotkohl‘, überlegte er. „… Hatte ich letztes Wochenende. Egal‘. Daneben lag Rahmgeschnetzeltes mit Spätzle. ‚Auch gut. Was noch? Königsberger Klopse. Davon hab ich langsam genug‘ … An Anne, die Leiterin der Personalentwicklung, musste er denken. Erst gestern ermahnte sie ihn wieder, nicht so viel Fleisch zu essen. Er lief zu den Tiefkühltruhen und packte Pizza mit Spinat in den Wagen. ‚Vier Tage frei‘, fiel ihm ein und er griff noch eine mit Meeresfrüchten. Manchmal empfand er es als rührend, wie sich Anne um ihn kümmerte. Und manchmal kam es ihm vor, als hätte sie Mitleid mit ihm. Gerade heute wieder beim Mittagessen, als sie ihn einlud, am zweiten Feiertag zusammen mit ihrer Familie zu feiern. Hans mochte seine Arbeitskollegin, sie war zu einer Freundin geworden. Und er kannte ihren Mann gut, er war sein Hausarzt. Aber sich vor ihrer Familie als einsamer Mittvierziger zu präsentieren, der Weihnachten alleine verbringen muss, darauf hatte er keine Lust. Dankend lehnte er ab, er hätte schon was vor. ‚Fernsehen‘, wurde ihm sogleich bewusst. Beim Regal mit den Süßigkeiten dachte er an die drei Kilo, die er in den letzten Monaten zugenommen hatte und widerstand der Verlockung. Obst und Gemüse, rät ihm Anne immer wieder. ‚Sie hat ja recht‘, beschloss er und schob seinen Wagen zurück zur Obstabteilung. Clementinen und Äpfel, darauf könnte er Lust bekommen, vielleicht auch Bananen. Die Fernsehzeitschrift landete im Wagen. In ihr blätterte er, als ihm die Zeit vor der Kasse zu lange wurde. ‚Elitepartner, Singles mit Anspruch und Niveau‘, warb eine Anzeige. ‚Na ja, wer’s braucht. Überhebliches Getue‘, überlegte er und blätterte weiter. ‚Jetzt auch in ihrer Stadt. Elitebestattung. Geben sie ihrem Leben einen würdigenden Abschluss‘. Er verkrampfte. Da war es wieder, dieses Gefühl der Ohnmacht. ‚… Wieso nur?‘

   „Hallo, es geht weiter“, sagte eine Frau hinter ihm in der Schlange. Er drehte sich um, sie lächelte ihn an. Er blickte in ihren Wagen - eine Milch, ein wenig Obst, vier Joghurt, drei Kartoffeln, eine Avocado. ‚Weihnachten auch alleine‘, dachte Hans.

   Auf dem Weg nach Hause hörte es auf zu regnen. Hans parkte in der Garage, griff die Einkaufstüten und ging durch den Garten zum Hintereingang. Dass die einst von allen bewunderte Grünanlage dabei war, zu verwildern, nahm er nur noch selten war. Eher zufällig schaute er zu der Buche und sah die Schaukel im Wind schwingen – ein Stich fuhr in ihn, wieder überrollten ihn diese Gedanken, die ihm nachts den Schlaf raubten. Hans stellte die Tüten ab, setzte sich auf die Terrasse, wagte noch einen Blick – er sah seine Frau schaukeln und lachen. Er sah sie im Pavillon sitzen und lesen, sah sie beide in der Sonne frühstücken, Kräuter pflanzen, Blumen gießen – außer Unkraut ist nicht viel geblieben. ‚Sie würde ganz schön schimpfen‘, überlegte er. Eine Weile saß er, suchte ihre geliebten Rosen – die waren schon im ersten Sommer vertrocknet. ‚Im Frühjahr werde ich neue pflanzen … den Kräutergarten auch‘, beschloss er. Neben einem verdorrten Rosmarin kämpfte in einem viel zu kleinen Topf ein Thymian ums Überleben … All diese gemeinsamen Jahre, wie kann er nur ohne sie … Schon nach wenigen Tagen war sie bei ihm eingezogen, dann war sie immer da gewesen. ‚Schöne Erinnerungen können quälend sein, aber ohne hat das Leben wenig Bedeutung‘, machte Hans sich wieder einmal bewusst … Sie war immer da gewesen, bis dieses Auto. ‚… Wieso nur?’ Sein Leben hätte er für sie gegeben, das wusste er schon nach wenigen Tagen. Hans stand auf, trug den Thymian in den Schuppen mit den Gartengeräten und pflanzte ihn um. Eine italienische Zeitschrift vom letzten gemeinsamen Urlaub lag auf dem Tisch. Sie hatte die Sprache viel schneller gelernt als er, hatte mehr Talent für solche Dinge. Sie konnte so einiges besser. Ein Schmunzeln überkam Hans. Beeindrucken wollte er sie, am Tag als sie sich kennen lernten, da schlug er die Nationalgalerie vor. Aber sie wusste viel mehr, konnte zu jedem Bild etwas sagen. Er ging ins Haus und packte die Pizzen und Fertiggerichte in den Kühlschrank. ‚Wenn sie das sehen würde, wäre sie enttäuscht“, grübelte er. „… Im neuen Jahr werde ich wieder kochen‘.

    Weihnachten verging, die Haustür blieb zu, der Fernseher lief bis spät in die Nacht. ‚So kann ich nicht weitermachen‘, stellte er am letzten freien Abend wieder einmal fest und blätterte zu der Anzeige. ‚Elitepartner. Singles mir Niveau – Dass ich mal soweit komme, was für ein Quatsch ... Anne meint, das macht man heutzutage so, die Zeiten haben sich geändert … Probieren könnt ich’s ja mal. Ich weiß ja, dass es sie nicht noch einmal gibt. Sie würde es bestimmt verstehen‘. 

   Anfang Januar saß Hans in einem Restaurant. ‚Ich darf nicht zu wählerisch sein‘, redete er sich ein. ‚… Viertel nach acht, wo bleibt die denn?‘ … Eine blonde Frau mit Handy am Ohr trat ein und gab ihren Mantel an der Garderobe ab. ‚Das muss sie sein … Das blaue Kostüm steht ihr gut‘.

   Die Frau schaute sich um, lächelte und lief auf seinen Tisch zu. „Ich muss Schluss machen, ich hab ein Date … nein, das Letzte war noch im alten Jahr“, sagte die Frau und steckte ihr Handy weg. 

   Hans erhob sich und zog ihren Stuhl vor. „Setzen Sie sich“.

   „Du, wir waren bei unserer Verabredung schon beim Du. Dein erstes Mal?“

   „Ja, wieso?“

   „So was merk ich gleich“.

   Sie redeten übers Wetter, der Ober kam und empfahl Rehmedaillons mit Thymian-Kartoffelpüree.

   „Thymian? Ist nicht so mein Ding“, sagte die Frau und bestellte Salzkartoffeln. „Wo arbeitest Du?“, fragte sie, als der Ober die Getränke servierte.

   „Vattenfall“.

    „Etwa Stromableser!?“

   „Nein, im Büro“.

   „Ich dacht schon … Ich bin Filialleiterin bei Tchibo“. 

   Das Gespräch plätscherte dahin, Hans suchte Gemeinsamkeiten und fragte nach Urlauben.

   „Über Sylvester war ich in Venedig. Nie wieder. Es war eiskalt“.

   „In Venedig gibt es interessante Museen“.

   „Wir waren in dieser Kirche, in der … jetzt hab ich den Namen vergessen“.

   „Markusdom“.

   „Ach ja. Selbst in der war es kalt“.

   „Sprichst du Italienisch“.

   „Ein bisschen Schulenglisch, damit komm ich immer durch. Meine Begleitung konnte ein paar Worte Italienisch. Wo würdest Du gerne deinen nächsten Urlaub verbringen?“

   „Ich bleib zu Hause und werde den Garten neu bepflanzen“.    

   „Garten? Bei mir würde alles vertrocknen“.

   „Kochst du gerne?“

   „Ich schieb mir gern was in die Mikrowelle, wenn du das meinst. Aber erzähl doch mal was von dir. Du bist bestimmt geschieden? Ich finde geschiedene Männer ja viel interessanter, die haben wenigstens realistische Vorstellungen“. Die Frau stand auf, zog ihr Handy aus der Tasche und nahm neben Hans Platz. „Ich hoffe, das stört dich nicht“. Sie kuschelte sich an ihn und setzte zu einem Selfie an. „Lächeln Hans … lächeln“, forderte sie, drückte drauf und ließ von ihm ab. „Ich muss mal für kleine Mädchen, bin gleich zurück“.

   Hans bestellte noch Dessert, das Gespräch plätscherte weiter, die Frau schlug das nächste Treffen vor. „Wir könnten uns am Wochenende den neuen Till Schweiger im Kino ansehen“.

   Beim Verabschieden vor dem Restaurant fragte Hans: „Magst Du Rosen?“

   „Lass mal. Manche Männer bringen ja gerne beim zweiten Treffen welche mit. Und dann vergesse ich die anzuschneiden und zwei Tage später lassen sie die Köpfe hängen“.

   Hans bekam ihre Visitenkarte und einen Kuss auf die Wange. „Ruf mich bis Freitag an, ich würde mich freuen“.      

    Er lief zum Auto, da heulte die Sirene eines Krankenwagens durch die Nacht. Ein Stich durchfuhr ihn – da war er wieder, dieser Heiligabend, als sie zusammen losgingen, einen Weihnachtsbaum zu kaufen. Dieser Tag, der ihn ständig einholte, in seinen Gedanken, seinen Träumen … Er sieht die Sanitäter rennen, den Notarzt, wie er den Kopf schüttelt. Er sieht, wie sie die Bahre zurückschieben und seine Frau auf der Straße liegen bleibt … Hans versuchte sich zu fassen, lief weiter und warf die Visitenkarte in den nächsten Papierkorb.