Luisenplatz (erste 3 Seiten)

 

Nora schlief noch. Es dämmerte. Paul ging die Treppe runter und trat hinaus auf den Gehweg, Schneeregen klatschte ihm ins Gesicht. Er atmete durch und lief los.

   Der eisige Ostwind hatte sich verzogen, Tiefausläufer vom Atlantik fegten über die Stadt hinweg und ließen den Schlosspark auftauen. Die Wege waren mit Schneematsch bedeckt – egal, Paul musste laufen, vierzig Minuten, wie jeden Morgen seine Runde – nein, keine Runde, kreuz und quer, vom Neuen Pavillon durch die barocken Gärten zum Karpfenteich. An dessen Ufer fütterte eine Frau mit Schirm schnatternde Enten. Paul lief weiter, vorbei am Teehaus Belvedere zum Spielplatz. Sein Blick fiel zu den Schaukeln, Rutschen und Bänken – tauender Schnee tropfte zu Boden. „Patsch, patsch“, klatschte ihm der Matsch die Waden hoch. Auf einem Steg überquerte er einen Wasserlauf, danach ging‘s unter kahlen Bäumen durchs Wäldchen – halbe Strecke, Paul begann zu schwitzen. Ein Eichhörnchen hüpfte davon. ‚Ich sollte mal ein paar Nüsse mitbringen’, fiel ihm ein. „Patsch, Patsch“ bis zur Wiese – Pappschnee drückte das Gras platt. Er rannte am Teichgraben entlang, gegenüber zwischen Tannen stand das Mausoleum, in dem Luise begraben wurde. Paul erhöhte das Tempo, obwohl er schlecht geschlafen hatte. Auch Nora hatte lange wach gelegen und sich im Bett gewälzt. Am Tag zuvor, am 1. März 2003, unterschrieben die beiden den Mietvertrag. ‚Was, wenn es schief geht mit dem Laden?’, grübelte Paul. ‚Es muss besser werden ... hoffentlich. Für Nora, sie hat es verdient. Drei Jahre Arbeit, nur Arbeit. So kann es nicht weitergehen. Nora ist am Ende … Geld auch … Paris, Mailand, Düsseldorf, diese teuren Modemessen nerven … und immer wieder Einzelhändler, die nicht bezahlen, diese hohen Außenstände und dann auch noch Kleider und Mäntel, die grundlos zurückkommen. Idioten! Wissen die nicht vor der Bestellung, was sie haben wollen. Alles vorfinanziert. Stoffe, Produktion … alles scheiße. Ich hätte bei Nora im Bett bleiben sollen. Mistwetter‘ – „Patsch, Patsch“, matschig, rutschig war es auf dem Steg rüber zur Luiseninsel. ‚Noch fünf Minuten, vielleicht liegt Nora noch im Bett, dann kuschel ich mich wieder an sie‘, hoffte Paul und rannte an Amor und Venus vorbei und auf Luise zu. Hinter dem Kirschlorbeer begegnete er ihrem Blick – da, wo der Rundweg spitz zuläuft – da, wo weniger Spaziergänger hingelangen, abgeschieden, im Stillen, eine Fläche, kaum Platz für die Bank ihr gegenüber, aber doch genug für den gebotenen Abstand. Vor dem Sockel, auf dem ihre Büste thront, lag eine rote Rose im grauen Schnee der Großstadt. „Morgen Luise, wünsch uns mal ein bisschen Glück“, flüsterte Paul beim Vorbeirennen. Ihr Blick leicht abgewandt, voller Melancholie und Traurigkeit. ‚Wer könnte es ihr verdenken, ihr war das Leben nicht lange gnädig‘, dachte Paul wieder einmal und setzte zum Endspurt an. Er rannte an der Spree entlang, auf dem Wasser sah er Wildgänse. ‚Anfang März, die Zugvögel kommen zurück, endlich ist der Winter vorbei‘, ging ihm durch den Kopf.  

 

Ende Februar hielt der Winter Berlin noch fest im Griff. Festgefahrener Schnee bedeckte die Straßen, am stahlblauen Himmel schien die Sonne und ein eisiger Ostwind ließ die Menschen bibbern. Die Batterie von Pauls Polo streikte. Er lief zum Schloss und bat eine der Taxen um Starthilfe. Dabei bemerkte er, wie das Zoogeschäft am Luisenplatz ausgeräumt wurde. Am nächsten Tag hing ein Schild im Fenster – ZU VERMIETEN. Er überlegte nicht lange. Täglich eine Stunde quer durch die Stadt fahren, von der Wohnung in Charlottenburg nach Kreuzberg ins Atelier und zurück, was für eine Zeitverschwendung. Wie wäre es, künftig zu Fuß in zwei Minuten zur Arbeit zu gehen.

   „Wir haben schon genug Probleme. Auf deinem Schreibtisch stapeln sich die offenen Rechnungen“, gab Nora zu bedenken. 

  „Wir könnten deine Mode auch im eigenen Geschäft verkaufen und nicht nur an Einzelhändler“, redete Paul auf sie ein. Der Laden war ideal. Ein Verkaufsraum mit einem Durchgang ins Hinterzimmer, bestens geeignet für das Atelier, im Keller zwei Räume für den Zuschneidetisch und das Stofflager. Zögernd stimmte Nora zu.

   Frau Kowalski von der Hausverwaltung betonte: „Schauen Sie nur das schöne Parkett und über die ganze Breite Schaufenster bis zum Boden“. Im Hinterzimmer öffnete sie eine Tür. „Die Teeküche, fertig eingerichtet und die Toilette, die braucht man ja auch ab und zu“, kicherte sie. Erfreut über Pauls und Noras Vorhaben schmeichelte sie: „Ich bin ja selbst ein Modefan“, und die Beiden bekamen den Zuschlag für die Räume am Luisenplatz 1. „Hier sind sie gut platziert. Die Nachbarschaft zum Schloss, das Picassomuseum, hier sind viele Touristen unterwegs“. Frau Kowalski lächelte und legte den Mietvertrag vor. An der Bushaltestelle vor dem Laden hielt ein Bus. „Das ist auch ein Vorteil. Sie haben den 109er vom Flughafen direkt vor der Tür. Ihr Geschäft wird optimal wahrgenommen“.

   „Wir kennen uns hier aus“, sagte Paul. „Wir wohnen gleich da vorne an der Schlossbrücke“. Ihr Gerede nervte ihn.

   „Beginn des Mietverhältnisses 1. März 2003“, sagte Frau Kowalski und trug das Datum in den Vertrag ein. Sie reichte Paul den Kuli zur Unterschrift. „Ihr Geschäft wird sicher ein Erfolg. Statistisch gesehen sind selbstständige Ehepaare erfolgreicher als Einzelpersonen“, waren ihre abschließenden Worte, nachdem Paul und Nora unterschrieben hatten.

 

Der neue Laden von Paul und Nora befand sich in einem Altbau mit sieben Gewerbemietern. Zum Luisenplatz hin zeigten drei Geschäften. Ein Buchladen, das neue Geschäft von Paul und Nora und ein Chinesisches Restaurant. Um die Ecke, Richtung Schloss Charlottenburg, befand sich ein Frisörladen, eine Eisdiele sowie das Backwerk, eine Bäckerei mit Café, in der noch selbst gebacken wurde. Und dann gab es noch diese Tür im Seitenflügel des Hinterhofes, eingerückt, im Schatten eines Baumes. Eine massive Holztür, beschlagen mit einer vernieteten Eisenplatte, als wäre es der Zugang zu einem Burgverlies. Die Klingel ein goldglänzender Ring, der einem Löwenkopf durch die Nase gestochen war, das Namensschild aus Bronze, verankert mit vier Schlosserschrauben. Der schwarze Schriftzug KONSTANZE, in fetten Buchstaben eingraviert, ließ geheimnisvolles vermuten. Über dem Löwenkopf wachte das Auge eines elektronischen Spions und erblickte jeden, der es wagte, den Nasenring anzuheben. Frau Kowalski von der Hausverwaltung erklärte: „Im Zweiten Weltkrieg war dies der Zugang zu einem Luftschutzkeller. Die Räume liegen tief unter den Kellern der Mieter. Jetzt ist da …“ sie stockte, schaute lächelnd zu Paul, dann zu Nora und setzte eine ernstere Mine auf. „Es ist kein Geschäft, das Ihnen Konkurrenz machen wird. Sie werden es herausfinden“.

 

Bastian, der Besitzer vom Buchladen links von Pauls und Noras neuem Geschäft sagte zu den Beiden. „Modedesign find ich gut. Ich hab Euren Vormieter satt, der Karnickel und Hamster an verzogene Kleinkinder verhökerte“. Bastian war ein alter Freund von Paul, den er im Berlin der frühen Achtzigerjahre kennenlernte. „Wenn ich dich sehe, muss ich an wilde Zeiten denken“, schwärmte Bastian. „Die jungschen Leute von heute können sich nicht vorstellen, was ihnen damals entgangen ist“. Für Paul war Bastian der erste Vertreter der 68er-Generation gewesen, mit dem er näher Kontakt hatte. Mit Interesse hörte er seine Geschichten über die Zeit der Studentenrevolte und der sexuellen Befreiung, die Bastian gerne zum Besten gab. 

   Auch Frau Dudek, die Eigentümerin von Pink Beauty, dem Frisörladen mit Nagelstudio um die Ecke, war über die neue Nachbarschaft erfreut. „Jetzt müssen Sie endlich zu mir kommen und sich Strähnchen ins Haar färben lassen“, redete sie wieder einmal auf Nora ein. Die blond gelockte Polin wohnte im gleichen Haus wie Paul und Nora. Die Beiden kannten Frau Dudek vom Grüßen im Treppenhaus oder man sah sich beim Einkauf im Supermarkt. Dass sie einst eine Miss Germany war, ließ sich allenfalls noch erahnen. Sie bekam den Titel bei einer dieser Misswahlen, die ein Berliner Playboy und Nachtclubkönig in den Siebziger- und Achtzigerjahren veranstaltete und die eher als Werbung für seine Clubs und Discotheken dienten, als der Auszeichnung vollbusiger Blondinen. Mit nachfolgenden Werbeaufträgen und als Fotomodell konnte Frau Dudek ein kleines Vermögen anhäufen, das ihr schnell wieder entglitt. Inzwischen versuchte sie, mit Kosmetik und Haarteilen die verblasste Schönheit zurückzuholen. Zuviel war in der Zeit nach ihrer Auszeichnung passiert, als dass es spurlos an ihr vorübergehen konnte. Manch älterem Leser der Berliner Boulevardblätter waren die Schlagzeilen aus damaliger Zeit noch schwach in Erinnerung: ‚Millionärswitwe in Villa am Nikolassee ermordet’ und ‚Ehemalige Miss Germany und Hauptzeugin erhält Morddrohungen’.