La Traviata (aus dem Buch Luisenplatz)

 

Nora ging am nächsten Tag mit gemischten Gefühlen in den Laden. Erleichterung, den Ärger der letzten Jahre endlich hinter sich zu lassen und bange Gedanken an eine ungewisse Zukunft gingen ihr durch den Kopf. Aber sie wollte hoffen, dass ihr Geschäft genügend einbringen würde, um über die Runden zu kommen.

   Nora sortierte Kleider auf der Stange, als eine zierliche Frau in den Laden trat. „Guten Tag. Ich hoffe, ich störe sie nicht“, sagte sie leise. Nora grüßte zurück und musterte die Frau. Mitte Fünfzig, Größe sechsunddreißig, graue dünne Haare bis zur Schulter, blasse Lodenjacke und ein brauner Wollrock, der bis unters Knie reichte. Nora wunderte sich. Mehr Farbe in der Kleidung, zartrosa vielleicht, kombiniert mit smaragdgrün, und die Frau würde sich mit ihrem hübschen Gesicht interessanter präsentieren.  

   „Ich komme gerade vom Frisör nebenan“, sagte die Frau. „Und da ist mir ihr Geschäft aufgefallen und da wollte ich mal …“, sie stockte und ließ den Blick durch den Laden schweifen. „Hätten Sie denn überhaupt etwas für mich?“

   „Für welchen Anlass soll es sein?“

   „Für die Oper. Heute Abend ist die Premiere von La Traviata“.

   „Eine schöne Oper“, sagte Nora.

   „Sie mögen sie auch?“

   „Ja, besonders die Arien von Violetta“.

   Mit dieser Gemeinsamkeit fasste die Kundin Vertrauen und sagte: „Was für eine Frau, diese Violetta, beneidenswert“.

   ‚Beneidenswert?’, dachte Nora. ‚Die hatte Tuberkulose und stirbt am Ende’.

   „Heute Abend ist ein besonderer Anlass“, betonte die Frau. „Nach der Aufführung gibt es eine Party mit dem Ensemble und dem Förderkreis der Deutschen Oper, da bin ich Mitglied“.

   „An was für ein Kleid haben Sie gedacht?“, fragte Nora.

   „Wissen Sie, ich spiel schon lange mit dem Gedanken, mir mal was richtig Schönes für die Oper zu gönnen“. Ihr Blick schweifte die Kleiderstangen entlang. „Ein Kleid, so ein bisschen wie … es kann ruhig ein wenig … wie soll ich sagen … ein wenig aufregend sein ... so eins, wie es Violetta heutzutage tragen würde, wenn Sie wissen, was ich meine“.

   „Verführerisch, mit Klasse …“ überlegte Nora laut.

   „J-aa …“, sagte die Frau. „Aufregend … in meinem Kleiderschrank hab ich nichts gefunden“.

   „Was tragen Sie sonst, wenn Sie in die Oper gehen?“

  „Na meinen anthrazitfarbenen Rock und die beige Seidenbluse, die so gut zu meiner goldenen Brosche passt“.

   „Was halten Sie von einem Kleid in einer kräftigeren Farbe, bordeaux vielleicht?“

   „Rot!? Ich in einem roten Kleid?“

   „Wieso nicht, haben Sie es schon mal versucht?“

   „Ich hatte mal … aber das war ja was anderes, da hab ich … ach und das ist ja auch schon lange her“. Sie blickte Nora in die Augen und fasste Mut. „Ich probier jetzt mal an, was Sie mir empfehlen“.

   Nora überflog ihre Kleider, überlegte kurz, griff drei heraus und führte die Frau nach hinten ins Atelier. Das erste Kleid, das die Frau anprobierte, ein ärmelloses Etuikleid mit Dekolletté, saß fast perfekt. Sie musterte sich im Spiegel und überlegte: „… Meinen Sie wirklich? Gut sieht es ja aus, aber ich in so einem Kleid? So etwas hatte ich ja noch nie an. Bin ich nicht zu alt dafür?“

   ‚Schade’, dachte Nora. ‚Etwas mehr Mut, und die Frau könnte eine neue Seite an sich entdecken. Vielleicht würde es ihrem Leben einen Schub geben’ – „Wieso zu alt?“, fragte Nora. „Sie können es sich erlauben. Ihr Dekolleté, die Arme, die Schultern, das können sie zeigen und die Farbe steht ihnen“.

   „Ach, meinen Sie?“

   Nora legte ein Tuch über ihre Schultern, der Blick der Kundin wurde wärmer, sie schien sich mit ihrem Spiegelbild anzufreunden. „Ja, mit dem Tuch könnte es gehen“, sagte sie, drehte sich und betrachtete ihren Rücken. „Es sitzt ja auch sehr gut“.

   „Man könnte die Taille schmaler machen und es ein wenig kürzen“, empfahl Nora.

   „Kürzen!?“, schreckte die Frau auf.

   „Nur fünf Zentimeter. Sie können ihre Knie doch zeigen“.

   „Ja, meinen Sie?“ Die Frau probierte noch die beiden anderen Kleider, sie waren ihr zu gewagt.

   „Bis heute Nachmittag sind die Änderungen an ihrem Kleid fertig“, sagte Nora und begann mit dem Abstecken der Taille.

   „Jetzt bin ich aber erleichtert, dass ich doch noch ein Kleid gefunden habe", sagte die Frau und reichte Nora die Hand. "Ich heiße Bröhmer, freut mich sehr“.  Sie betrachtete sich im Spiegel und versuchte eine neue Frisur zu arrangieren. „Frau Dudek vom Frisörladen nebenan meinte, ich bräuchte unbedingt einen neuen Schnitt. Die Haare wollte sie mir auch färben … was die immer für Ideen hat“.

    „Wieso nicht? Haben Sie es schon mal versucht“.

    „Ich!?“

    „Ich glaube, es würde Ihnen stehen“.

   „Wieso, was stimmt denn nicht mit meinen Haaren?“, fragte die Frau und schaute in den Spiegel.

   „Sie haben ein hübsches Gesicht und Grau ist … da … da würde ein wenig Farbe … “, stotterte Nora. ‚Jetzt sie bloß nicht verärgern’, schoss es ihr durch den Kopf. „Gehen Sie öfter in die Oper?“  

   „Jaaa. Und jetzt, wo ich im Vorruhestand bin, noch öfter, ich habe ein Abonnement. Von der alten Traviatainszenierung habe ich alle Aufführungen besucht. Ich bin gespannt auf heute Abend, vor allem auf Violetta. Diese Gefühle … Sehnsucht, Liebe, Leidenschaft … ach, es ist jedes Mal so ergreifend“.

   ‚Das werden die Dinge sein, die sie in ihrem Leben vermisst‘, überlegte Nora. ‚Violetta, die Kameliendame, die Edelprostituierte, die sich in den Träumen von Frau Bröhmer der wahren Liebe hingibt’.

   Nora steckte die letzte Nadel an der Taille und das Kleid betonte die zierliche Figur von Frau Bröhmer. Sie betrachtete sich im Spiegel und war einverstanden. Nora setzte sich auf einen Hocker und begann, den Saum des Kleides abzustecken. Frau Bröhmers Blick blieb bei ihrem Spiegelbild, zaghaft strich sie mit den Händen über ihre Taille und sagte: „Violetta konnte sich die Männer aussuchen … mit mir hatten es die Männer ja nicht so, aber ich hatte auch nie Zeit und immer nur gearbeitet … und jetzt, in meinem Alter, da ist sowieso alles vorbei“.

   „Was haben Sie denn gearbeitet?“

   „Fünfunddreißig Jahre Staatsbibliothek. Mit neunzehn hab ich angefangen, als Bibliothekarin … und dann ist da ja auch noch meine Mutter …“ Frau Bröhmer seufzte. „Sie ist krank seit ich denken kann und jetzt ist sie ein Pflegefall, deswegen auch der Vorruhestand … ich muss mich um sie kümmern. Und da ist die Oper die einzige Abwechslung für mich. Ich hab ja sonst nicht viel“.

   „Fertig“, sagte Nora. Die Länge des Kleides war abgesteckt.

   „Ganz schön gewagt“, meinte Frau Bröhmer.

   „Sie haben schöne Beine, die sie zeigen können. Um vier könnten Sie das Kleid abholen“.

   Frau Bröhmer musterte ihr Spiegelbild. „Meinen Sie wirklich, eine neue Frisur würde mir besser stehen?“

   „Wieso nicht?“

   „Aber das mit dem Färben ist übertrieben, oder?“ 

   „Es würde ihnen gut stehen“. 

   „Na, ich weiß nicht“, sagte Frau Bröhmer und verabschiedete sich.

   Pünktlich um vier ertönte der Gong an der Ladentür und Frau Bröhmer trat ins Geschäft. Nora war überrascht – in einem dunkelroten Kurzhaarschnitt stand Frau Bröhmer vor ihr und lächelte verschämt.

   „Das ist ja toll geworden, sie sehen super aus“, sagte Nora.

   „Das sagt Frau Dudek vom Frisörladen auch, aber …“ Frau Bröhmer stockte. „Meinen Sie wirklich? Meine Mutter hatte mich nicht erkannt“.

   „Es steht Ihnen wunderbar. Sie müssen sich nur noch daran gewöhnen“.

   Frau Bröhmer betrachtete sich im Spiegel und flüsterte: „Der ganze Förderverein wird über mich tuscheln“.  

 

Am nächsten Morgen saß Nora in Gedanken versunken an der Nähmaschine. Sie hatte gute Laune. Vielleicht wird es was mit dem Laden. Drei, vier Kleider in der Woche verkaufen könnte reichen, vielleicht wäre dann wieder ein Urlaub möglich, im nächsten Winter, vier Wochen in die Wärme, wie früher … Nora träumte, bis die Türklingel sie aufschreckte. Mit einem Lächeln im Gesicht erschien Frau Bröhmer im Laden. 

   „Hallo, wie war La Traviata?“, fragte Nora.

   „Unfassbar, das glauben Sie mir bestimmt nicht“, sprudelte sie los. „Die Aufführung war toll, aber was danach auf der Party passierte, das … das muss ich Ihnen erzählen. Stellen Sie sich vor, da … ach, bevor ich’s vergesse, ihr Kleid hat sehr guten Anklang gefunden. Ich habe viel Lob von meinen Bekannten aus dem Förderkreis bekommen – und meine Frisur auch“.

    „Das freut mich“.

  „Also, nun stellen Sie sich mal folgendes vor …“ Frau Bröhmers Stimme überschlug sich vor Aufregung. „Meine Bekannte und ich stoßen gerade mit einem Glas Sekt an, da tritt doch tatsächlich Herr Leroy auf uns zu. Er singt den Giuseppe, Violettas Diener im zweiten Akt, als Ersatz, weil jemand ausgefallen ist – egal, jedenfalls, in der Hand trägt er eine Kamelie, und was macht er, stellt sich vor mich hin und schaut mir in die Augen … ganz schwindlig wurde mir. Und nun passen Sie auf ...“ Frau Bröhmer fasste Noras Handgelenk und umklammerte es. „Da sagt er doch tatsächlich, ich sei die einzige Frau heute Abend, die diese Blüte verdient habe. Und dann kniet er sich vor mir nieder, nimmt meine Hand und küsst sie. Ich dachte ich träume“. Frau Bröhmer streichelte ihren Handrücken und betrachtete die Stelle des Geschehens. „Dann reichte er mir die Kamelie …“. Ihre Augen wurden feucht, eine Träne floss über ihre Wange. „… Und dann hat er ein Lied gesungen, für mich. Können Sie sich das vorstellen, Herr Leroy singt in seinem wunderschönen klaren Tenor ein Lied, nur für mich, vor allen anderen, und wissen Sie was er gesungen hat? … Un di, felice eterea … Alfredo gesteht Violetta seine Liebe“. Frau Bröhmer seufzte, hielt Inne und schmunzelte. „Meine Freundin vom Förderverein hätten sie sehen sollen, die hat vielleicht gestaunt. Ich hatte ja beim Schlussapplaus schon den Eindruck, dass Herr Leroy mich anschaut“.

   „Und wie ging es weiter?“, fragte Nora.

   „Ach schade ... Er musste gestern Abend noch nach Neustrelitz fahren. Heute früh hat er wichtige Proben“. Ihre Stimme wurde ernster. „Götterdämmerung. Er singt den Siegfried an der Oper in Neustrelitz“. Ihr Blick ging an die Decke, tief atmete sie ein. „… Jetzt probt er gerade“.

   'Hoffentlich ist er nicht einfach so davongefahren', dachte Nora, da sagte Frau Bröhmer: „In zwei Wochen singt er den Basilio in einer Neuinszenierung des Figaro in der Komischen Oper, da brauche ich ein neues Kleid von Ihnen, und …“ Sie griff erneut Noras Handgelenk. „Stellen Sie sich vor, er hat mich zum Essen eingeladen. Ach, ich weiß gar nicht, wie ich das alles überstehen soll, letzte Nacht hab ich kaum geschlafen“.