Gunter fährt nach Schwanenwerder (aus dem Buch Luisenplatz)

 

Gunter saß schon früh am Morgen in der S-Bahn nach Wannsee. Der Triebwagen nahm Fahrt auf und verließ mit seinen Wagons die Stadt Richtung Süden. Pendler auf dem Weg zur Arbeit und Studenten, die in Potsdam studierten, schauten nach draußen auf den vorbeirauschenden Grunewald, bearbeiteten ihr Handy oder dösten vor sich hin. ‚Bdm-Bdm’ ratterten die Räder über die Gleise und quietschten beim Halt an der nächsten Station. Im Waggon waren die Fenster gekippt, es war heiß und stickig. Das Gewitter der vergangenen Nacht hatte nicht die ersehnte Abkühlung gebracht, es wurde noch schwüler. Jetzt stiegen auch noch neue Fahrgäste ein, drängten sich in den Gängen und klammerten sich an matte Stangen und graue Kunststoffschlingen. Einige schwitzten unterm Arm, schon früh am Morgen. Andere stierten auf den Boden oder wichen dem Atem des Nachbarn aus. Und wieder ratterte die Bahn los und rauschte der nächsten Station entgegen.

   Gunter betrachtete die Leute um sich herum. ‚So werd ich nicht enden. Jämmerliche Kreaturen am Dahinvegetieren. Jeden Morgen die gleiche erbärmliche Tragödie – tagein, tagaus, ein Leben lang. Die haben längst verloren’. Er fühlte sich unwohl, wie immer wenn ihm Fremde zu nah kamen. Die Enge, das Gedränge der Menschenleiber – das Atmen viel ihm schwer, von der Stirn tropfte eine Schweißperle ... Und noch ein Halt, kaum einer stieg aus, dafür umso mehr ein. Neben ihm telefonierte eine füllige Frau mit fettigen Haaren und klagte über Kopfschmerzen und Regelblutung. Gunter rückte ein Stück ab, schaute angewidert nach draußen auf den Bahnsteig. ‚Entspannen Sie sich. Wir sorgen uns für Ihre sichere Zukunft’, verkündete eine Lebensversicherung auf einem Plakat. Die Türen schlossen, die Fahrt ging weiter. Ein Mann in muffiger Kleidung fiedelte auf einer Geige und drängte sich durch die Menschen. Vorneweg streckte ihnen ein Junge einen Pappbecher entgegen. ‚Man müsste die Tür aufmachen und die Hälfte rausschmeißen, es gibt sowieso zu viele – den, den, den und die Alte neben mir als Erste, wen interessieren die?‘ Jetzt erschien auch noch eine Frau mit quäkendem Säugling über die Brust geschnallt und zwängte sich durch die teilnahmslos Dastehenden. Keiner bot Platz an. ‚Macht man das heutzutage nicht mehr?’, überlegte Gunter, stand auf und zeigte auf seinen Sitz. Ein Student wollte schneller sein, Gunter trat dazwischen. „Setzten Sie sich“, sagte er zu der Frau. ‚Das nächste Mal miete ich ein Auto’, beschloss Gunter.

   Der Zug erreichte den Bahnhof Wannsee und öffnete seine Türen. Gunter sprang aus dem Wagon und atmete durch. Er lief zum Wasser und spazierte auf einem Fußweg Richtung Schwanenwerder, vorbei an Yachthäfen, dem Strandbad Wannsee und entlang des Grunewaldes, der hier bis an die Havel reichte.

 

Vielleicht vierzig Häuser standen auf Schwanenwerder, die meisten alt. Das Eiland in der Havel liegt am Eingang zum Wannsee, der genau genommen eine Bucht des Flusses ist. In wilhelminischer Zeit wurde die Insel zu einem Refugium für wohlhabende Berliner Warenhausbesitzer, Industrielle und Bankdirektoren. Entsprechend war die Bebauung. Prachtvolle Villen und Herrschaftshäuser in großzügigen Landschaftsparks mit privaten Wassergrundstücken. Auch Nazigrößen wie Goebbels fanden gefallen und quartierten sich zu ihrer Zeit hier ein. Geblieben sind die alten Villen, hinzu kamen luxuriöse Einfamilienhäuser mit Gartenanlagen. Die Anwohner blieben vom Großstadtlärm verschont und lebten unter sich. Dann kam Otto Stoll und riss eine der alten Villen ab, die Alteingesessenen reagierten mit Argwohn. Über das dubiose Genehmigungsverfahren für seine neue Prachtvilla gab es Gerüchte. Ein befreundeter Baustadtrat musste Rede und Antwort stehen. Das war vor neun Jahren. Den Baulärm hatte man inzwischen fast vergessen, geblieben ist die Skepsis gegenüber Stoll. Aber weder das eine noch das andere interessierte ihn. „Manchmal muss man Dinge tun, die unpopulär sind, sonst kommt man nicht voran“, kommentierte Stoll.  

   Eine Einbahnstraße umrundete die Insel. Auf ihr konnte man in den Vorgärten die Spatzen an den Vogeltränken oder von den Bäumen piepsen hören. Auch sie fühlten sich hier wohl. Manchmal trafen sich Frauen am Gartenzaun zu einem Plausch oder saßen nachmittags bei Tee und Gebäck auf der Terrasse und sprachen vornehm und besonnen. Nur abends, wenn die Männer im Anzug und schwarzen Limousinen vom Büro nach Hause kamen, wurde es belebter. Ruhig war es trotzdem. Man fuhr rücksichtsvoll.

   Gunter erreichte die Brücke nach Schwanenwerder und überquerte die einzige Verbindung der Insel mit dem Festland. Das Bootshaus und die Wache der Berliner Wasserschutzpolizei fiel ihm auf. ‚Nachts ist die bestimmt nicht besetzt’, überlegte er und spazierte weiter. Auf der Havel knatterte ein Motorboot, das sich entfernte, dann herrschte wieder Stille. Kein Geräusch, das diesen sonnigen Vormittag hätte stören können. Selbst das Wasser schien zu ruhen. Die Havel hatte es hier nicht eilig. Gemächlich lag sie in der Morgensonne und breitete sich spiegelglatt aus bis rüber nach Kladow. Gunter schlenderte weiter unter Bäumen entlang der Gartenzäune. Manche der prächtigen Häuser verbargen sich hinter hohen Mauern, so dass man weit hinten nur die Giebel der Dächer zwischen alten Buchen sehen konnte. Neugierig schaute er sich um. ‚Hier ist in jedem Haus was zu holen’, ging ihm durch den Kopf.

   „Suchen sie jemanden?“, ertönte eine Stimme. Neben einem Buchsbaum erschien ein älterer Mann in geripptem Unterhemd und beigen Shorts. Er trat einen Schritt vor, blickte Gunter in die Augen und hielt die Klingen seiner Heckenschere vor sich hin.     

   „Danke, ich mache nur einen Spaziergang“, sagte Gunter und dachte: ‚Hier passt man auf’. Er lief weiter, schaute auf die Hausnummern und umrundete die Insel bis zur Hälfte. Die Häuser mit geraden Nummern hatten Wassergrundstück und lagen rechts an der Einbahnstrasse. Die Anwohner der linken Seite hatten Pech. Ihre Häuser hatten ungerade Nummern und waren ohne Zugang zum Wasser. Aber auch diesen Bewohnern gefiel es hier. In einem Garten war ein Pool aufgeblasen, in dem Kinder im Vorschulalter planschten und unter Birken saßen die Mütter beim Frühstück zusammen.

     Eine Weile lief Gunter an einer hohen Mauer entlang, dann zeigte ein Schild die Nummer 36 und er stand vor einer Einfahrt. Ein Tor mit Eisen beschlagen versperrte die Sicht auf alles, was sich dahinter verbarg. Sehr alt sah das hier nicht aus. Kein bröckelnder Putz, keine Patina, keine Flechte oder Moos gaben dem Schutzwall ein wenig Leben. Fremd wirkte er, neben all den alten Gemäuern. Eine Kamera überwachte die Einfahrt. Gunter blickte sich um. Ansonsten beobachtete niemand. Ohne in den Radius der Kamera zu treten späte er durch einen Spalt zwischen Mauerpfosten und Tor. Viel war nicht zu sehen. Ein Weg, der hinter einer Biege verschwand, ansonsten Bäume, Büsche und ein Eichhörnchen. ‚Wenigstens weiß ich jetzt wo er wohnt. Vielleicht miete ich demnächst ein Paddelboot und schau mir das Grundstück vom Wasser aus an’, überlegte Gunter und lief zurück zum Bahnhof Wannsee. Auf der Fart zurück in die Stadt arbeitete er an einem Plan. Zwei Millionen will er Stoll abknöpfen. An Vladi musste er denken. Der Russe war wie Gunter vor sechs Wochen entlassen worden. Die Beiden hatten sich im Knast angefreundet. Autoschieberei wurde Vladi zum Verhängnis. Und Scharfschütze war er, angeblich einer der besten, damals, in der Sowjetischen Armee. ‚Daraus müsste sich doch etwas machen lassen’, überlegte Gunter. ‚Gleich morgen werde ich ihn anrufen’.