Frau Müller im Fernsehen (aus dem Buch Luisenplatz)

 

An einem Montagmorgen erschien eine korpulente Rentnerin im Laden. Nora telefonierte im Atelier und sah, wie die Frau vor den Spiegel trat, ihre graue Dauerwelle in Form brachte und das braune Polyesterkostüm zurecht schob. Aus ihrer Handtasche zog sie eine Lesebrille, dann lief sie die Puppen ab und fingerte an den Preisschildern der Kleider herum. „Hallo, ist jemand da?“, rief sie durch den Laden. 

   Kaum war Nora bei ihr, sprudelte die Frau los: „Guten Tag, Müller. Sie haben mich bestimmt schon gesehen. Ich, zusammen mit Nadja Ziemann, überall auf den Plakaten. Ach wie ich diese Frau bewundere“.

   „Plakate? Ich weiß nicht, was Sie …“.

   „Da drüben, die Litfaßsäule, überall in Berlin. Was es heutzutage so alles gibt. Frau Ziemann war beim Fototermin gar nicht dabei und trotzdem sind wir beide auf dem Bild“. Nora wurde über das Ereignis informiert. Frau Müller war ehrenamtliche Leiterin eines Hilfswerkes für Kinder mit Entwicklungsstörungen. Nun war die Rentnerin zu einer Fernsehshow, einer Wohltätigkeitsgala, geladen. Ein Preis für ihr soziales Engagement und ein Scheck für den Verein sollten überreicht werden, live und zur besten Sendezeit am kommenden Samstagabend im Ersten Programm. Jetzt musste noch schnell ein Kleid her. „Ein ganz Besonderes!“, betonte Frau Müller. „Ich muss doch gut aussehen neben all den Stars, ich bin doch dann im Fernsehen“.

   Nora servierte Kaffee und setzte sich mit Frau Müller an den Tisch. Sie versuchte, Frau Müllers Vorstellungen von einem besonderen Kleid zu erfassen, zeigte ihre Kleider, zeigte Fotos von Kleidern und skizzierte Kleider, Frau Müller konnte sich nicht entscheiden. „Ein Modell, das es sonst nicht gibt, nur für mich“, forderte sie. Leider hatte die sympathische Frau keine Vorstellung davon, wie das Besondere für sie aussehen solle. Ihr fehlte jegliche Phantasie. Noras Anregungen zu Farben, Stoffen und Schnitten konnte sie nicht umsetzten. Hilflos blieb Frau Müller bei der Ansicht: „Das Besondere ist etwas, das ich ihnen nicht erklären kann“.

   Am nächsten Tag die Fortsetzung bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen, den Frau Müller mitbrachte. Der Termin rückte näher, sie konnte sich nicht entscheiden. Nora sah Nachtschichten auf sich zukommen, wollte die Bestellung aber annehmen. Der Auftritt ihres Kleides bei einer Fernsehgala wurde eine erste große Herausforderung. Am dritten Tag zog Frau Müller ein Foto von Fürstin Gracia von Monaco in einem blauen Etuikleid aus ihrer Handtasche. „Das hab ich aus einer alten Zeitschrift ausgeschnitten, so etwas hätte ich gerne. Ach, wie ich diese Frau damals verehrte“, schwärmte sie. 

    „Das wird in Größe 46 an Wirkung verlieren“, gab Nora zu bedenken.

   „Es gefällt mir aber“, betonte Frau Müller. 

   Nora machte sich an die Arbeit. Ein Kleid, das den Maßen der schlanken Fürstin entsprach, auf Frau Müllers üppige Proportionen zu übertragen, wurde ebenfalls eine Herausforderung. An den verbleibenden zwei Tagen traf man sich morgens und abends zu den Anproben. Frau Müllers Aufregung stieg, der Verzehr an selbstgebackenem Kuchen ebenfalls. Bei der Abholung des Kleides am Samstagvormittag herrschte bei Frau Müller höchste Aufregung. „Stellen Sie sich vor, die Nadja Ziemann wird mich durch die Sendung begleiten. Und vorher werden wir uns kennenlernen. Vielleicht Essen wir ja zusammen, es soll da eine gute Kantine geben, hat mir der Aufnahmeleiter gesagt“. Frau Müller streifte das Kleid über, stellte sich vor den Spiegel und sagte: „Ach, ich fühl mich schon wie ein richtiger Fernsehstar“, dann zog sie sich wieder um. „Montag komme ich und erzähl ihnen, wie es war“, sagte sie und verabschiedete sich.    

    Samstagabend saßen Paul und Nora vor dem Fernseher und verfolgten das Ereignis. Frau Müller machte eine gute Figur in dem Kleid.

   Montagfrüh erschien sie mit langem Gesicht und Käsekuchen im Laden. „Ach Frau Dobra, da hab ich mich so gefreut, und dann … ich weiß gar nicht, wie ich es erklären soll, es war eine einzige Enttäuschung“.

   Nora schluckte und vermutete eine Blamage mit dem Kleid. „Was ist passiert?“

   „Diese Ziemann, das ist ja vielleicht eine“, begann sie verärgert zu erzählen. „Kennenlernen – pah … nicht einmal angeschaut hat die mich bei den Proben. Und dann während der Sendung, da tut die so, als wären wir die besten Freundinnen“. Frau Müller begab sich an den Tisch im Atelier, deckte Kuchen auf und verzehrte ihr Stück, noch ehe Nora den Kaffee servieren konnte. „Und hinterher auf der Party schaut die durch mich hindurch, als würde sie mich nicht kennen“. Frau Müller zog ein weiteres Stück Käsekuchen aus der Tasche, wartete bis Nora den Kaffee eingeschenkt hatte, dann stach sie zu. „Diese hochnäsige Schnepfe. Party, alle zusammen feiern – dass ich nicht lache, was für ein Affentheater. Bin dagestanden wie ein Trottel. Sich selbst feiern, das können die. Alle, alle kannten mich auf einmal nicht mehr. Das fing schon an, als die mich zu Hause abholten und danach die Ziemann aus ihrem Hotel. ‚Im Auto haben Sie Gelegenheit Frau Ziemann persönlich kennen zu lernen’, hat mir dieser Aufnahmeleiter gesagt. Und was macht die große Dame, fummelt die ganze Zeit an ihrem Handy rum und spricht kein Wort mit mir“. Frau Müller schob die letzten Kuchenkrümel auf die Gabel und meinte: „Ach was soll’s, ich hab ja noch meine Kinder, die sind mir sowieso lieber“.