Der Kiez (aus dem Buch Luisenplatz)

 

Der Kiez zwischen Luisenplatz und Klausener Platz, die Gegend südlich vom Schloss Charlottenburg bis runter zur Knobi, wie die Knobelsdorffstraße von den Anwohnern genannt wurde, war eine beliebte Wohngegend. Eine der ältesten Straßen von Charlottenburg, die Schlosstrasse, bildete eine zentrale Sichtachse zum Schloss. Mit Linden bepflanzt und einer grünen Mittelpromenade eignete sich die mäßig befahrene Allee zum Flanieren. In den warmen Monaten warfen Boulespieler ihre Kugeln und die Gartenlokale waren gut besucht, die Atmosphäre erinnerte an Südfrankreich. Auf der östlichen Seite, bis hin zum Luisenplatz, gab es zwischen den Altbauten Häuser aus der Gründerzeit, errichtet für wohlhabende Familien mit herrschaftlichen Wohnungen und Dienstbotenaufgängen vergangener Zeiten. Während hier gehobenes Einkommen vorherrschte, wandelte sich das Bild auf der westlichen Seite. Im Zuge des Bevölkerungszustromes gegen Ende des Neunzehnten Jahrhunderts wurden dort, wie überall in Berlin, vierstöckige Mietshäuser mit mehreren Hinterhöfen für Arbeiterfamilien hochgezogen. Das vor dem Krieg dominierende Berliner Stadtbild hatte hier die Bomben überlebt. Der Kiez war einst die Heimat von Heinrich Zille und strahlte einen besonderen Charme aus. Seine Bilder aus der Zeit um 1900 zeigten das emsiges Treiben auf den Straßen, Tante-Emma-Läden, verrauchte Kneipen, ausgelaugte Arbeiter, schwitzende Bierkutscher, verschmutzte Kohleträger und lächelnde Leierkastenspieler. Auch Paul hatte hier als Student gelebt und konnte sich das Leben zu Zilles Zeiten vorstellen. Er spazierte noch immer gerne durch seine ehemalige Wohngegend, traf alte Bekannte und quatschte mit ihnen über gemeinsame Erlebnisse aus seiner Studentenzeit.  

   Paul zog es 1980 als zwanzigjährigen Bundeswehrflüchtling aus Freiburg nach West-Berlin. Fünfzehn Monate Wehrdienst, Strammstehen und Befehle befolgen, das sollten andere machen. Ihn reizte die Offenheit und lockere Atmosphäre in der geteilten Stadt – und da gab es keine Wehrpflicht. Also packte er seine Sachen, fuhr nach Berlin und mietete am Klausener Platz im vierten Stock eines Altbaus seine erste eigene Wohnung – ein Zimmer mit Küche und Bad, geheizt wurde mit einem Kachelofen und für das warme Wasser stand ein Kupferboiler zum Anfeuern im Bad. Saß Paul auf der Kloschüssel, hatte er einen Blick über den Platz bis hin zur Orangerie vom Schloss Charlottenburg. In der Wohnung gegenüber wohnte damals Bastian mit seiner Freundin Tina, mit denen er schnell Freundschaft schloss. Paul dachte oft an diese Zeit zurück, an gemeinsame Abendessen, an Feiern bis in die Nacht hinein, an Kneipenbesuche mit Bastian und an die bewegenden Jahre als Student in dieser aufregenden Stadt. Paul dachte mit dem Gefühl zurück, es war eine Zeit gewesen, in der jeder jeden kannte, auch wenn dem nicht so war.   

   Wie häufig im West-Berlin der frühen Achtzigerjahre bröckelte auch in diesem Kiez der Putz von den Fassaden der Altbauten, auf den Bürgersteigen trat man in Hundekot und nachts pissten besoffene Punker an graffitiverschmierte Hauswände. Linke und Anarchos besetzten kurzerhand Häuser, in den Hinterhöfen roch es nach Gras, aus den offenen Fenstern war die Musik von Ideal oder den Einstürzenden Neubauten zu hören. Übriggebliebene Hippies und neue Alternative schlurften in Schlapperhosen durch die Gegend, kauften in den ersten Bioläden Tofu und diskutierten in dem neugegründeten Kiezbüro bei Ringelblumentee und Rüblitorte über die Bepflanzung von Baumrabatten. Im Sommer verabredeten sie sich zum nackten Sonnenbaden im Schlosspark, danach saß man auf verschlissenen Sesseln in einem kollektiven Straßencafé zusammen. Im Winter war der Geruch von Ofenheizung allgegenwärtig, auf dem Bürgersteig lag grauer Schneematsch, verfärbt von Ruß und Dreck. Alles wirkte schmutzig und abgeranzt, so nahm man es hin. Es entsprach der unangepassten und aufmüpfigen Einstellung junger Rebellen. Die Stadt wurde den Ansprüchen, die Verweigerer an sie stellten, gerecht. Nachdem abends um halb sieben die Läden geschlossen wurden, füllten sich im Kiez die Kneipen. Zu späterer Stunde gesellten sich diejenigen Menschen hinzu, die es sich erlauben konnten, am nächsten Morgen auszuschlafen. Vertreter jeglicher Couleur und Altersgruppe, Schattenwesen und urbane Randfiguren, mit denen sich der Normalbürger selten beschäftigte, vereinigten sich zu nächtlichen Gelagen und anderen Vergnügungen. Beliebt war das Nemo, das Paul ab Mitte der Achtzigerjahre anzog.  

   Paul ging gerne in Kneipen. Endemische Typen und interessante Charaktere, die vom gängigen Muster abweichen, begegneten ihm dort. Im Nemo kannte er die Gäste und durchfeierte mit ihnen manche Nacht. Man war unkompliziert und ausgelassen. Männer und Frauen fanden schnell zusammen und noch schneller wieder auseinander. Nicht selten schloss Lupo, wie der Wirt wegen seiner großen Nase und den hängenden Wangen genannt wurde, die Pforte erst nach Sonnenaufgang. Tagschläfer und Nachtaktivisten, Verlorene und Suchende, Drogengeber und Drogennehmer, Gelegenheitshuren und Dauerfreier, Studenten und Ausrangierte, die Intellektuellen, die über das ausschweifende Leben nicht nur lesen wollten und jene Sozialhilfeempfänger, die am Monatsanfang ihre Stütze versoffen, sie alle suchten die spezielle Atmosphäre in einer verruchten Kneipe in den Stunden weit nach Mitternacht … Für Paul Erinnerungen, immer ein wenig wehmütig, intensiv erlebt – vorbei.

  Nach dem Jahrtausendwechsel lebten in diesem Kiez noch immer Arbeiterfamilien und Sozialhilfeempfänger und auch Rentner, Studenten und Lebenskünstler fühlten sich noch heimisch, besuchten die alteingesessenen Läden – Bäckereien, Frisöre, Kioske – und plauderten mit den Besitzern. In den kleinen Lokalen saß man bei indischem und vietnamesischem Essen zusammen, die Straßencafés boten nun auch Coffee to go an. Der Kiez begann sich zu verändern. Die ersten Kneipen machten dicht, der letzte Kohlehändler schloss seine Türen. ‚C’est la vie‘ und ‚Mutter Erde-Vegan‘ eröffneten mit hochpreisiger Speisekarte. Aldi zog aus seinen Räumen aus, BioCompany platzierte sich. Der Wochenmarkt auf dem Klausener Platz zählte nur noch wenige Stände. Das Nemo diente inzwischen als eine Art Refugium und schleppte einen letzten Rest an altem Charme aus dem vergangenen Jahrhundert ins neue Jahrtausend. Sehnsüchtige, in alten Zeiten hängen gebliebene, Vergessene, Abgewrackte und neu Hinzugekommene genossen die Atmosphäre einer entschwundenen Epoche. Noch immer konnte es vorkommen, dass Lupo seine Kneipe erst nach Sonnenaufgang schloss. Während zu dieser Zeit seine Gäste den vergangenen Abend beendeten, öffneten Zugewanderte aus dem Morgenland ihren Obstladen und bauten auf der Straße die Stände für ihr reichhaltiges Angebot auf. Doch der Umbruch im Kiez schritt voran. Es wurde viel saniert, alles erschien schick und frisch – helle Häuser in verkehrsberuhigten Zonen. Die eingesessenen Familien wurden nach und nach durch Modernisierung und steigende Mieten aus ihrem vertrauten Umfeld verdrängt. Junge Akademiker und andere Besserverdienende hielten Einzug, es wurde steril und anonym. Die Erinnerung an Zilles Bilder verblasste zunehmend.