Der 68er (aus dem Buch Luisenplatz)

 

   „Ich bin 1949 geboren. Das Beste was mir passieren konnte“, sagte Bastian.

    „Schon 51 Jahre alt!?“, stellte Tobi fest.

   „68er-Generation!“ Bastians Augen glänzten. „Und ICH war dabei“. Er schenkte Kaffee nach und schaute Tobi an. Der schien unbeeindruckt. „Ihr Studenten von heute, keine Ahnung. Wie oft hab ich dir das schon erklärt. Wir 68er …“, Bastian setzte sich aufrecht. „WIR haben die sexuelle Revolution eingeleitet. WIR haben uns über alle Konventionen hinweggesetzt, experimentiert und den Spießern gezeigt, wie offen Sexualität sein kann. Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment, war unser …‘

   „Wann kommt denn nun die Post?“, unterbrach ihn Tobi.

   „Gleich …“. Bastian winkte ab. ‚Die heutige Jugend, kein Interesse an einer Revolution, von der diese Schlappies profitieren‘. Der Postbote trat in den Laden. Bastian öffnete das Paket und nahm ein Buch heraus. ‚Mann und Frau – eine Herausforderung‘. Er verzog das Gesicht und reichte Tobi sein bestelltes Buch. „Bis demnächst“, sagte der und verließ den Laden. Bastian packte die restlichen Bücher aus. Vor dem Schaufenster lief Konstanze vorbei – er zuckte, sie winkte ihm zu … Konstanze – wie auch immer ihr richtiger Name sein mag … Kurz vor zwölf – sie läuft vorbei und lächelt ihn an. Gestern, vorgestern, alle Tage ... Bücher hat sie auch schon bei ihm gekaufte … Konstanze lief weiter – Bastians Gedanken folgten ihr durch den Hinterhof bis zu der Tür, die hinunter führte in ihr Reich. Diese Tür, die er von seinem Schlafzimmer aus sehen konnte … Manchmal, wenn er nachts wach lag, hörte er, wie sie ins Schloss fiel. Und manchmal träumte er, wie Konstanze auf einem Thron sitzt und er nackt niederknien muss. Und jedes Mal schreckte er schweißgebadet auf.   

    Bastian stellte den leeren Karton auf den Boden, da riss der Knopf an seiner Hose ab und kullerte in eine Ecke. Oben in der Wohnung hatte er kein Nähzeug. Seine Nachbarin Nora fiel ihm ein. Die Modedesignerin war zu einer guten Bekannten geworden. Ihr gehörte das Geschäft nebenan. Bastian hängte ‚Gleich zurück‘ in die Tür und ging rüber zu Nora. Die war hinten im Atelier beschäftigt und rief ihn zu sich. „Gib her, dauert nur fünf Minuten“. Bastian zog seine Jeans aus und stieg wieder in seine Schuhe. „Am Hemd fehlt auch einer“, sagte Nora. „Komm den machen wir gleich mit. Ich hab einen passenden in der Schublade“. 

    Bastian knüpfte das Hemd auf, entblößte seinen Oberkörper und stand in weißer Rippunterhose, schwarzen Socken und Halbschuhen vor dem Spiegel. Er schaute  sich um und räusperte. „Setz dich“, sagte Nora und zeigte auf den Drehstuhl vor der  zweiten Nähmaschine. Bastian nahm Platz und verschränkte Arme und Beine. Vorne im Laden ertönte die Türklingel und eine Frau rief: „Ich bin zehn Minuten zu früh, ich hoffe ich störe nicht“. Bastian fuhr zusammen. 'Konstanze!' … Sie erschien im Atelier, sah ihn und lächelte. „Oh, wen haben wir denn da? Hallo Basti – Da haben Sie sich aber eine nette Unterstützung geholt“, zwinkerte sie Nora zu. „Und so adrett gekleidet“.

   Bastian versuchte sich an einer Erklärung, dann sagte er: „Den Knopf vom Hemd näht Nora gerade an“.

   „Ja, das kann schon mal passieren, dass ein Knopf abfällt, was Basti?“ Zu Nora gewandt sagte sie: „Wir kennen uns bereits – oder wie würdest du es nennen, Basti?“

   „Sie kauft ab und zu ein Buch bei mir“, sagte Bastian zu Nora.

   „Unterhalten haben wir uns doch auch schon ganz nett, oder nicht?“, sagte Konstanze und  lächelte Bastian an. „Meine Einladungen auf einen Kaffee wolltest du bisher ja nicht annehmen. Keine Zeit … oder hast Du etwa Angst?“ Sie musterte ihn. „So chic und sexy sieht man ihn sonst nie, ganz elegant im weißen Schlüpfer. Ist das das Modell mit Eingriff?“

   Bastian schaute an sich runter, drehte sich weg, da erschien sein Spiegelbild. ‚Oh Gott, wie seh ich denn aus … ich muss hier raus’, schoss es ihm durch den Kopf. „Nora, ich geh lieber, die Knöpfe haben Zeit“. 

   „Och Basti, bist du jetzt sauer?" fragte Konstanze. "Komm leiste uns noch ein bisschen Gesellschaft,  dann zeig ich dir, was für ein schönes Kleid ich von Frau Dobra bekomme“.     

   Bastian räusperte sich. „Nora, ich stör nur. Kannst du mir bitte das Hemd und die Hose rüberreichen“.

   „Basti, nun stell dich nicht an. Frau Dobra näht dir wie besprochen die Knöpfe an und ich zieh schnell das Kleid über. Ich würde zu gern wissen, wie es dir gefällt?“

    „Ihr Kleid hängt in der Umkleide“, sagte Nora.

   Konstanze entdeckte ein weiteres Kleid in dunkelgrüner Seide auf einer Puppe.  „Das würde ich auch noch gerne anprobieren“, sagte sie und verschwand hinterm Vorhang ... Es wurde still. Bastian sackte auf dem Drehstuhl zusammen. Nora nähte den Knopf an und schmunzelte. Das Öffnen eines Reisverschlusses war zu hören. Bastian blickte auf den Vorhang, der flog auf und Konstanze erschien in schwarzem  BH, Nylonstrumpfhose und Stiefeletten. Sie zeigte auf die Puppe. „Das dunkelgrüne Kleid würde ich gerne zuerst anprobieren“.

   Nora reichte es ihr. Konstanze drehte sich zu Bastian, schaute ihm in die Augen,  hob ein Bein und stieg langsam in das Kleid. Bastian sah die Stiefeletten, die langen Beine, die runden Brüste, die unter dem Kleid verschwanden. Er blickte Konstanze an, sie zwinkerte ihm zu. „Basti, das Kleid steht mir doch gut, oder? … Hilfst du mir bitte beim Reisverschluss“. Sie trat auf ihn zu und drehte sich zum Spiegel. Bastian schaute auf ihren nackten Rücken, sah ein Muttermal unter der Schulter, sah den Verschluss des BHs und schluckte. Er löste seine verschränkten Arme, stand auf und griff den Zipper. „Nicht so zögerlich Basti. Ist doch nicht das erste Mal, dass du einer Frau den Reisverschluss zumachst, oder?“

   Bastian schaute zu Nora, die noch immer mit dem Knopf beschäftigt war. Konstanze verfolgte die Szene im Spiegel, ihr Blick traf Bastian. Sie lächelte, strich sich über ihre Brüste und betrachtete sich. „Basti, wie gefall ich dir in dem Kleid?“    

   Bastian verkrampfte. ‚Was ist nur los? Ich mach mich vor den Beiden zum Deppen. Mist … ein paar Worte von der, und ich bin eingeschüchtert … wie beim letzten Mal … Wo warst du bei eurer freien Liebe? Hast du alles vergessen? Basti, nicht rumeiern. Du hast doch auch mitgemacht, oder etwa nicht? … Blöde Kuh, als ob ich rumeiere. Die hat doch keine Ahnung … was soll ich denn auf ihrer blöden S/M Party? … Das nächste Mal werd ich …’

   „Komm setz dich hin“, sagte Konstanze und erlöste Bastian von seinen Gedanken. Sie lächelte ihn an, streichelte seine nackte Schulter und flüsterte: „Ich krieg dich noch“.

   Bastian schaute zu Nora. „Die Knöpfe sind wieder dran“, sagte sie und reichte ihm Hemd und Hose.    Hastig griff er danach und streifte sich die Kleidung über.     

   „Basti, nun lach doch mal. Man könnte meinen, du fürchtest dich vor mir. Was soll denn Frau Dobra denken?“

   Ein schneller Blick, ob alles sitzt. „Danke Nora, Tschüss“, sagte er und verschwand. 

   „Dein Hosenschlitz ist noch offen“, rief ihm Konstanze hinterher.

   Bastian schloss seine Ladentür auf, sah den leeren Karton von den Büchern, trampelte ihn platt und kickte ihn in die Ecke.